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Ein Ausflug nach Wichtigstadt
In der Schweiz ist Zürich Wichtigstadt. Alles andere ist Provinz. Ausser vielleicht noch Basel und Genf. Aber die in Basel haben doch so einen unmöglichen Dialekt, und Genf liegt ohnehin in der französischen Schweiz und damit sozusagen im Ausland. Bleibt also Zürich. Eine gebildete Frau auf Reisen, die in Zürich lebt und etwas auf sich hält, sagt nicht etwa: «Ich lebe in Zürich, weil es mir dort gefällt.» Nein, sie sagt: «Ich muss emotional in Zürich leben.» Damit gibt sie Provinzlern zu verstehen: «Die dumpfe Primitivität Eures Kaffs würde ich nicht länger als einen Tag aushalten.» Provinzler sind intelligent genug, das sofort zu verstehen.
Sie verstehen auch, dass eine richtige Zürcherin den ganzen Tag darüber nachdenkt, ob Zürich eine Weltstadt ist oder nicht. Dass man darob die Regeln der deutschen Grammatik vergisst, dafür haben wir volles Verständnis.
Philemon lebt in Frösch, fast eine Zugstunde von Zürich und somit in der Provinz. Bekanntlich versuche ich sie als eine Art helvetische Antiheldin darzustellen (oder zu designen, wie man in Zürich sagt). Deshalb kann sie gar nicht in Zürich wohnen. Das heisst, wenn sie Antiheldin wäre und in Zürich wohnen würde, müsste sie schon sozial noch ein bisschen absteigen, damit das Gefälle zwischen Person und Wohnort genug dramatischen Stoff hermacht. Sie müsste zum Beispiel allein erziehende Kindergärtnerin mit einem Hang zur Esoterik werden. Oder Putzfrau in einem Fernsehstudio. Eine Putzfrau, die in den Tagesschausprecher Charles Clerc (der mit dem intellektuellen Schalk) verliebt ist und auch naiverweise glaubt, diese Liebe würde erwidert. Nein, das wäre nichts für Philemon. Aber jedermanns redaktionelle Fussmatte bei einer in der Provinz angesiedelten Tageszeitung zu sein – das kommt für eine Antiheldin gerade noch hin und ist doch noch
ein bisschen angenehmer.
Schon die Bahnhofshalle am Zürcher Hauptbahnhof ist so grosszügig gebaut, dass einreisende Auswärtige grosse Augen bekommen, kaum haben sie sie betreten. Nur lässt man Besucher aus Frösch mittlerweile gar nicht mehr am Zürcher Hauptbahnhof aussteigen. Nein. Menschen aus Frösch kommen auf Gleis 54 an, einen Viertelstündigen Fussmarsch vom Hauptbahnhof entfernt. So bekommen sie die klassizistische Halle mit dem berühmten Schutzengel von Niki de Saint Phalle an der Decke auch nicht mehr zu Gesicht. Weshalb Philemon auch keine grossen Augen mehr bekommt, wenn sie nach Zürich fährt. Dabei hat sie noch nicht einmal dort studiert, wie es doch für Fröscher Gymnasialabgänger üblich ist. Nein, sie hat in Bern studiert und damit in ihrer jugendlichen Naivität den ersten Schritt zum Antiheldentum getan. Dinge wie, «ich muss emotional in Zürich leben», könnte sie gar nicht mit dem richtigen Kopfschwung und der richtigen Gestik sagen.
«Bern ist doch die Hauptstadt der Schweiz!» höre ich Ulrike sich wundern. Ja, schon, liebe Ulrike, aber Bern hat nichts ausser Beamten und Studenten und ein bisschen Radio und ist deshalb auch Provinz.
Früher, als sie noch in Basel arbeitete, musste sie oft nach Zürich. Damals hatte sie schon beinahe vergessen, dass Zürich der wichtigste Ort der Schweiz ist. Aber seit sie wieder in Frösch ist, fährt sie nur noch zweimal im Jahr nach Zürich. Seither hat sie immerhin wieder ein Empfinden für die eminente Grösse dieser Stadt – etwa dann, wenn sie den Fussmarsch durch eine finstere, endlose Unterführung zur Tramhaltestelle der Nummer 14 unter die Füsse nimmt. Das tat sie neulich, weil sie von alten Arbeitskollegen zu einer Buchvernissage eingeladen worden war. Dort, irgendwo in einem einstigen Fabrikgebäude an der Limmat, erwartete sie ein Quäntchen Zürcherischen Schick. Aber den gab’s, weiss Gott, nur bei den Oliven.
Fortsetzung folgt.
*für Schweizerdeutsch-Anfänger: nein, man sagt nicht Züricher, man sagt Zürcher – es heisst ja auch Neue Zürcher Zeitung und nicht Neue Züricher Zeitung.
fröhlich
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