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Startseite » Tagebuch » User: Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.]
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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 04.02.2003, 10:26 Uhr


Das Köfferchen von Grossmutter Walholz

Eines Nachmittags im Jahre 1939 stieg Trudi Blötz am Bahnhof von
Kieslingen aus dem Zug. Sie hatte hier ihre erste feste Stelle
gefunden. Nicht weit weg von der Bäckerei, in der ihr Verlobter,
Eugen Walholz, seine erste Stelle gefunden hatte. Aber weit weg von
zu Hause am Jurasüdfuss. Tief, tief in der Urschweiz.

Enkelin Philemon stellt sich gerne vor, dass die Grossmutter den
Zug in Kieslingen mit nur einem einzigen Gepäckstück verliess. Mit
einem recht kleinen Koffer, der aber ungeheuer voll war. Der nebst
Trudis Unterröcken, Blusen und Strümpfen ihre ganze Zukunft und
die ihrer Familie enthielt: Alle Nussgipfel, Birewegge und
Sonntagszöpfe von Grossvater Walholz, das Kirchlein am Steinibach,
die blonden Zöpfchen der Tochter Trudi Walholz, die Bäckerei am
Fuss des Passes, Eugen den dritten, wie er als Kind Schnecken ass
und später einen Opel Manta fuhr, ja, selbst Schwiegersohn Toni
Frogg und seine Bürointrigen; Philemon, die Enkelin, ihren Bruder
Andreas und die Urenkelin Marie Christiane könnten an jenem Tag in
jenem Köfferchen enthalten gewesen sein.

Trudi wusste noch nichts vom Inhalt ihres Köfferchens. Und ihr gefiel
nicht, was sie in Kieslingen sah: gegenüber gab es zwar ein Hotel
mit Geranien und einer Schweizerfahne, sonst aber nichts als eine
Strasse und ein paar schäbige Bauernhäuser. Und rundum nur
Berge. Es sah aus, als läge Kieslingen am Ende der Welt. Gleich
hinter dem Bahnhof von Kieslingen arbeitete sich der nunmehr von
Trudi verlassene Zug eine mächtige Steigung hinauf. «Er fährt auf
den Bömmeripass», erklärte Eugen, der sie am Bahnhof abholte.
«Wenn Du weitergefahren wärst, dann wärst Du hinüber ins Berner
Oberland gekommen.» «Ach, das Berner Oberland», seufzte Trudi.
Dort wäre sie lieber hingegangen, schliesslich stammte ihr Vater
aus dem Bernischen. Aber jetzt war sie eben hier, in der Urschweiz,
im Tal M. Und man durfte nicht klagen, denn die Zeiten waren hart.

Grossmutter Trudi war nicht sehr weit gereist und hatte ja keine
Ahnung! Enkelin Philemon weiss, es gibt in der Urschweiz noch viel
engere Täler: Im Tal P. etwa hängen gewaltige Bergkränze aus lauter
Felsen und Schnee über ein paar schmächtigen Feldern. Das Tal M.
aber ist das lieblichste der Urschweiz. Dort stehen die Berge weniger
eng, sind oben meist grün und lassen auf der anderen Seite Weite
ahnen. Dort sitzt man an einem Sommerabend auf der Laube, sieht
die Hänge unter dem späten Licht berauschend grün aufleuchten
und denkt: «Herrgott, war dieser Tag wieder gross!»

Die Macht des Herrgotts von M. bekamen Trudi und Eugen in den
nächsten Jahren ein paarmal zu spüren. Zunächst einmal kam der
Krieg. Eugen musste für ein paar Monate an die Grenze. Als er
zurückkam, war er seinen Job los. Das kam so: Die Bäckerei, bei der
Eugen Arbeit gefunden hatte, gehörte zwei älteren Fräulein Zumberg.
Sie besassen die Bäckerei, weil sie zu einem alten M.schen
Adelsgeschlecht gehörten. Wie alle M.schen Aristokraten waren auch
Zumbergs sehr katholisch.

Zudem muss es in der Familie Zumberg eine erbliche
Leseschwäche gegeben haben. Nur so lässt sich der Fehler
erklären, den sie begingen, als sie den Eugen einstellten. Sie lasen
seinen Namen als «Wallholz» statt «Walholz». «Wallholz» ist ein
katholischer Name, «Walholz» dagegen reformiert. Während Eugens
Abwesenheit machte jemand die beiden auf den Fehler
aufmerksam. Und als Eugen aus dem Aktivdienst zurückkam, nahm
eines der Fräuleins all seinen Mut zusammen und sagte zu ihm:
«Aigeen, Si miänd nimmä cho, Si sind ja refärmierd!» (Eugen, Sie
brauchen nicht mehr zu kommen, Sie sind ja reformiert!)

An jenem Tag beschloss Grossmutter Walholz, niemals den Dialekt
des Tales M. zu lernen. Zeitlebens sollte sie ihren
Jurasüdfuss-Singsang beibehalten.

Und das war erst der Anfang von Eugens Schwierigkeiten im Tal M.


Betrunken fröhlich


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  weiblich philemon frogg [ 45 J.]
"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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