|
Nun wird aber doch bald geheiratet!
Pfarrer Imoberdorf rieb sich verlegen die Hände, aber seine Aussage
war klar genug. «Freläin Bletz und Herr Waalholz, äso chan ich si nid
vor der Altar la trättä!» Der Pfarrer hatte Order von weiter oben. Sie
betraf den Umstand, dass Eugen bekanntlich reformiert war, Trudi
aber katholisch. Zwar konnten Trudi und Eugen in einer katholischen
Kirche katholisch heiraten. Aber nicht vor dem Altar. Vielmehr sollten
die beiden während der Trauung beim Haupteingang der Kirche
stehenbleiben. Sie und er hätten ihr «Ja» durch die ganze Kirche
schallen lassen müssen, sicher dreissig Meter weit, und dabei die
Rücken der versammelten Gemeindemitglieder und Verwandten
angeschaut. Die Leute aus dem Tal M. lernten schliesslich schon in
der Schule: Wer reformiert ist, kommt nicht in den Himmel. Wie sollte
er da auf Erden vor einen rechten Altar treten dürfen? Es gab nur eine
Alternative: Trudi wurde reformiert und begab sich damit in
denselben Zustand der Ungnade wie ihr Zukünftiger.
Das wiederum kam für Trudi nicht in Frage. Es wäre für sie nicht
einmal dann in Frage gekommen, wenn Mutter Blötz nichts dagegen
einzuwenden gehabt hätte. Nicht mehr katholisch sein... schon der
Gedanke fühlte sich an, als hätte sie ihre Seele in einen
schwindelerregenden freien Fall gestürzt und nicht gewusst, auf
welchem Grund und Boden sie schliesslich zerscherbeln würde.
Und dann leitete sie ja auch noch die Kieslinger Cööpli-Filiale. Wer
hätte denn noch bei ihr eingekauft, wenn sie reformiert gewesen
wäre?
Am Sonntag nach dem Gespräch mit Pfarrer Imoberdorf gingen Trudi
und Eugen spazieren. Es war ein Vorfrühlingstag im Jahre 1941. Die
Hochzeit sollte im Mai stattfinden. Die Zeit drängte also, und Trudi
regte sich auf. Der Weg führte der Rosenlaui entlang, einem Fluss
der im Jahre 1845 das ganze obere Tal M. überschwemmt und viele
Todesopfer gefordert hatte. Während sie auf dem danach gebauten
Damm flussaufwärts gingen, redete Trudi. Über diesen blöden
Cheib Pfarrer Imoberdorf, der sich doch gegen seine Oberen hätte
wehren können. Dass man doch gesehen habe, wie es ihm peinlich
sei, sie beide so zu plagen. Darüber, dass es vielleicht doch noch
irgend einen Ausweg gab.
Eugen tat so, als höre er aufmerksam zu, aber er dachte: «Das Trudi
ist doch ein Stürmicheib!» Laut sagen sollte er solche Dinge
allerdings erst nach der Heirat. Zuvor wollte seine Braut in dieser
misslichen Lage nicht noch mehr in Rage bringen. Er wusste: Es
würde sich schon eine Lösung finden. Hatte er nach seiner
Entlassung bei den beiden Schwestern nicht auch ganz schnell
wieder eine Stelle gefunden? Bei einem Lieferanten für das
Kieslinger Cööpli erst noch?
Wenn er kurz zu Wort kam, dann zeigte
er ihr die ersten Schneeglöckchen, einen besonders auffälligen Stein
im Fluss oder erinnerte sie und sich an jenen riesigen Bovist ennet
der Laui, den er im letzten Herbst gefunden hatte. Das Plätzchen
wollte er sich noch einmal ansehen, sagte er. «Gell, Trudi, da gehen
wir hin! Beim Kirchlein oben gibt es eine Brücke über den Fluss! Da
gehen wir hinüber!»
«Du, Eugen, das Kirchlein!» rief Trudi plötzlich. Es war nach der
Überschwemmung von den Überlebenden dem Heiligen Bruno, dem
Schutzpatron des oberen Dorfteils zum Dank errichtet worden. Eine
winzige Kirche, fast mehr ein Bildstöckchen, auf drei Seiten offen.
Zwischen dem Kirchenpförtchen und dem Altar gab es nur drei
Sitzreihen. Mehr Bänke gab es draussen vor dem Gebäude, auf der
Waldlichtung. Dort würden die Gäste sitzen! «In diesem Kirchlein
werden wir heiraten!» frohlockte Trudi.
Und sonst? Bin auf dem linken Ohr so gut wie taub.
fassungslos
|