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Blutiger Kebab
Meine Krimi-Recherchen führten mich neulich nach Frösch Tiefe.
Dort ist das Hauptquartier der Fröscher Kantonspolizei. Dort, an der
Tiefen Strasse, wird Detektiv Wachtmeister Gregor Bürgi zu
Krimibeginn einen Kebab kaufen. Philemon Frogg muss Bürgi noch fertig erfinden.
Damit das leichter wird, wollte sie auch dort einen Kebab essen. Also gingen wir
zum Türken an der Tiefen Strasse.
Der Mann hinter der Theke fragte: «Mit allem?» «Mit allem!» sagte
ich, und er pappte ordentlich Joghurtsauce, Zwiebeln und Harissa
aufs Fleisch. Ich zahlte und ging hinaus auf die Strasse. Es regnete.
Unter der Türschwelle eines zugebretterten Ladens begann ich zu
essen. Bürgi hätte wenigstens sein Büro in der Nähe!
Allmählich wurde mir aber klar dass Wachtmeister Bürgi es für einen
Fehlentscheid halten würde, einen Kebab gekauft zu haben. Bürgi ist
ein ordentlicher Mensch, fast pingelig, würde ich sagaen. Nach einer Nacht am
Tatort eines Doppelmordes würde ihm wahrscheinlich schon beim Geruch
eines Kebab schle...
Ich vergass abzubeissen. Denn eben war mir klar geworden, wieso
ich Kebab so unweigerlich mit Mord und Totschlag in Verbindung
bringe.
Es geschah 1998 oder 99. Damals arbeitete Philemon Frogg beim
Magazin «Brav & Bieder». In einer grösseren Stadt. Wir hatten die
meistgelesenen Kochrezepte der Nation. Aber unsere Redaktion lag
punktgenau zwischen der Autobahn, dem Güterbahnhof und einer
Bahnlinie. Weit und breit keine Essgelegenheit. Mal abgesehen vom
Türkenladen hinter der Autobahnauffahrt. Er lag an der Strasse zum
Bahnhof, die mit tristen Wohnblocks gesäumt war. Die Frogg kam
dort jeden Tag vorbei und kaufte hin und wieder ein: türkische
Süssigkeiten oder Wein, auch mal einen Kebab.
Eine ganze Familie schien den etwas schäbigen Laden zu führen, oft
waren Kinder dort, manchmal eine junge Frau. Meistens aber ein
junger Türke. Er sah gut aus, und Philemon schäkerte gern mit ihm. Ganz harmlos,
versteht sich. Eines Tages fragte sie beim Zahlen so: «Na, wie gehts?» und er
antwortete mit einem traurigen Schulterzucken: «Ja, ja, es geht!». Das fand
Philemon höchst merkwürdig. Denn der junge Türke war sonst stets heiter – im
Gegensatz Philemon, die ja notorisch zum Pessimismus neigt, dazu oft im Stress
oder verärgert war. Aber was hätte sie sich draus machen sollen? Sie verliess den
Laden, dessen Glastür gerade wieder mal eingeschlagen und mit weissen
Klebstreifen notdürftig zugeklebt worden war.
Ein paar Nächte später waren drei «Brav & Bieder»-Redaktorinnen
auf dem Weg zum Bahnhof, unter ihnen Philemon Frogg. Sie hatten
sich an einem Redaktionsfest betrunken und waren die letzten. Ihnen
fiel noch auf, dass beim Türken viele Leute herumstanden und
aufgeregt gestikulierten. «Diese Türken», lallte eine der drei, «immer
so viel Betrieb!». Vor einem der tristen Wohnhäuser stand eine
Bahre. Ein Polizeiauto kam gefahren, der Polizist rief aus dem
offenen Wagenfenster: «Hallo Sie drei da! Haben Sie irgend etwas
Auffälliges gesehen?!»
Zwei der Redaktorinnen fanden das ungemein komisch und
begannen zu blödeln. Zu Philemons Ehrenrettung muss ich sagen,
dass sie nicht dazu gehörte.
Am nächsten Tag war der Kebabladen geschlossen «wegen
Todesfalls» wie es auf einem Pappschild hiess. Am übernächsten
Tag kaufte die Frogg auf dem Weg zur Arbeit eine Grösserstädter
Zeitung. Sie las noch im Tram, was passiert war: Eine junge Türkin
war in einer Wohnung in jenem tristen Haus erstochen worden. Von
ihrem Bruder. Er hatte Geld gewollt. Als sie ihm keins gab, stach er
zu. 23 Mal. Der fünfjährige Sohn der jungen Frau sah alles und
rannte dann zu seinem Vater, «der in der Nähe arbeitete», wie es in
der Zeitung hiess.
Nun konnte sich die Frogg alles zusammenreimen: Das Opfer war
die Frau des jungen Türken, der Bub, der das alles gesehen hatte,
sein Sohn. Als ich am Kebabstand vorbeikam, standen unter dem
«geschlossen»-Pappschild Kerzen und Blumen.
In den Medien gab es einen ziemlichen Wirbel um den Fall. Der
messerstechende Bruder kam nämlich geradewegs aus dem Knast,
und die grossstädter Justiz hätte merken müssen, dass sie ihn
besser drin behalten hätte. Fand jedenfalls das Fernsehen, fanden
die Zeitungen, fand insbesondere der «Blick».
Den Bruder fassten sie bald darauf und lochten ihn wieder ein. Nach
ein paar Tagen senkte sich Ruhe über den Fall.
Der Laden an der Autobahnausfahrt aber blieb lange geschlossen.
Eine Weile sah es so aus, als würde er nie wieder aufgehen. Aber
eines Tages drang aus dem Haus wieder Kebabgeruch. Übler
Kebabgeruch. Tagelang ging die Frogg nicht hinein. Sie wusste
nicht, was sie tun, was sie sagen, was sie fragen sollte. Doch dann
fasste sie sich ein Herz, hielt den Atem an und betrat den Laden. Sie
wollte wenigstens etwas Schokolade kaufen. Das Lokal sah
schäbiger aus denn je.
Das Gesicht des jungen Türken hatte Form und Farbe einer hellen
Kerze, die zu lange an der Sonne gestanden hat. Wahrscheinlich
hatten sie ihn mit Psychopharmaka vollgestopft, damit er all das
überhaupt aushielt. Ich erkundigte mich erst einmal, ob ich mir
überhaupt die richtige Geschichte zusammen gereimt hatte. Ja, ich
hatte mir die richtige Geschichte zusammengereimt. «Es tut mir
leid», sagte ich. Er sah mich an, und seine Lippen begannen zu
zittern. Ich stand dort noch ein paar Augenblicke und blickte zu
Boden. Dann ging ich hinaus.
Von jenem Tag an waren wir Fremde. Ich ging kaum noch in den
Laden, und wenn ich hineinging, redeten wir kaum. Ein Jahr lang
wurde mir schlecht, wenn ich Kebabs roch. Dann vergass ich die
Geschichte. Ich habe keine Ahnung, was aus dem Mann und seinem
Bub geworden ist.
«Willst Du wirklich einen Krimi schreiben?» fragte ich Philemon
Frogg. Aber sie gab keine Antwort.
ausgeglichen
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