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Joggeridylle, ein Rachemord und dauerbesoffene Künstler
Meine Lieben, diesmal bekommt ihr einen Rückblick auf die
bedeutsamen Momente der letzten Woche.
Montag, 19. 5.
Joggeridyll.
Es hat geregnet. Unten im Wäldchen mündet die Moderig in die
Fröscher Laass. Die Laass ist ein schöner Fluss, ein Gewässer von
unergründlicher, smaragdgrüner Klarheit. Auch wenn es geregnet
hat. Sie ist eben ein abgeklärter Fluss, einer, dem schon an der
Moderigmündung fast nichts mehr fremd ist. Ihr Wasser hat eine
grosse europäische Nord-Süd-Route gesehen, Autobahnkreuze,
Lastwagen und den Kehricht, den die Chauffeure wegschmeissen.
Dann ist sie durch einen Touristensee und die Stadt Frösch
geflossen, diesen Schmelztiegel der Neurosen.
Die Moderig dagegen ist braun. Jedenfalls dann, wenn es geregnet
hat. Sie entspringt im Fröscher Hinterland. Dort, wo Hörnli* und
Apfelmus physisches Grundnahrungsmittel sind und bleiben,
derweil das Gedankengut der SVP** allmählich den katholischen
Konservatismus als geistige Lebensgrundlage ablöst.
Die grüne Laass und die braune Moderig vertragen sich nicht. Noch
einen Kilometer nach der Moderig-Mündung ist die Laass gestreift:
links braun, rechts smaragdgrün. Nach einem Kilometer biege ich
ab. Deshalb weiss ich nicht, ob die Flüsse sich je vertragen werden.
Deshalb eine kleine Bitte an alle Kölner: Schaut mal in den Rhein –
vielleicht seht ihr dort irgendwo zwei dünne Streifen braun und
smaragdgrün. Irgendwann mündet nämlich die Laass in den Rhein.
Mittwoch, 21. Mai
Vom Bus aus sehe ich Kilian Etter, kurz Etti, an einer Ampel stehen.
Als Krimiautorin muss ich lernen, mir das Leben aus der Perspektive
eines Mörders vorzustellen. Etti bietet mir das ideale Übungsmodell.
Im Geist ziehe ich meine Pistole, eine Glock mit futuristischem
Design. Ich ziele durch das Busfenster auf den nichtsahnenden Etti,
auf die Vene, die ich unter der teigweissen Haut seiner Stirn weiss.
Ich hasse alles an diesem Hagerling, sogar diese zarte, blaue Ader
an seiner Stirn. Ich ziehe am Abzug.
Mit Etti hat meine Philemon Frogg vor grauer Vorzeit ein
Nichtraucher-Büro geteilt. Etti hat damals vorbildlich mitgemobbt, als
die arme Frogg gemobbt wurde. «Jetzt kriegst Du alles zurück, Etti!»,
rufe ich und drücke ab. Das Geschoss legt ein sauberes Loch ins
Busfenster (unwahrscheinlich? Egal!), mich drückt der Rückstoss
des Schusses ins Sitzpolster, ich sehe, wie der Etti nach hinten fliegt,
wie sein Hinterkopf wuchtig den Asphalt trifft.
Hinter dem Bus schaltet die Ampel auf Grün. Etti geht nichtsahnend
über die Strasse.
Ich fühle mich sauwohl.
Samstag
An der Ausstellung «Einblicke in meine Unterwelt» über die
Künstlerin Annemarie von Matt in Stans. Von Matt boomt. Sie ist in
den letzten zwei Jahren als DIE helvetische Frida Kahlo entdeckt
worden. Sie kam 1905 zur Welt, wuchs in ärmlichen Verhältnissen
auf und schaffte irgendwann den Sprung ins Textildesign. Irgendwer
entdeckte ihr Talent, sie wechselte zur Kunst. Sie verband das
Design der zwanziger und dreissiger Jahre mit religiöser Kunst (wir
haben es mit dem katholischen Milieu der Innerschweiz zu tun),
malte Madonnen auf Kehrichtschaufeln und andere
Alltagsgegenstände und legte über alles ihr surrealistisches
Vergnügen an spielerischen Einfällen.
Sie heiratete einen Bildhauer. In den vierziger Jahren hatte sie eine
Affäre mit dem Romane schreibenden Priester, Lehrer und
Schürzenjäger Josef Vital Kopp (beinahe vergessen), der sich ihr
gegenüber ziemlich schweinisch benommen zu haben scheint. In
den fünfziger Jahren bekam sie rätselhafte Krankheiten, schloss sich
zu Hause in Stans ein und richtete in ihrer Wohnung eine
unbeschreibliche Sauordnung an. Sie litt und litt, derweil ihr Mann in
seinem Atelier übernachtete (auch bei Minustemperaturen), weil er
das Chaos nicht mehr aushielt. Sie brachte keine grösseren Werke,
sondern nur noch Zettel und Gekritzel zu Stande, die aber, einmal
entziffert problemlos als starke Lyrik durchgehen. 1967 starb sie.
So ist das mit der Kunst. Nur die Deutschen mögen ihre
Künstler erhaben. Die Amerikaner lieben ihre Künstler
dauerbesoffen, wir Schweizer mögen sie dann am besten, wenn sie
von unerklärlichen psychischen Leiden verzehrt werden.
* Typisch helvetische Teigwaren in der Form gebogener Röhrchen,
heute Proletarierfood.
** Schweizerische Volksverblödungs-Partei, eine rechtspopulistische
Partei mit wirren Ideen über immerwährende Neutralität und böse
Asylsuchende.
cool
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