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Fit oder fett / das ist die Frage
Derzeit wettern alle über die Amerikaner. «Bloody Americans!»
schimpft Einstein English, Philemon’s bierliebender britischer
beinahe-ex-Liebhaber – kein Dummkopf, sondern immerhin ein
eifriger Leser der Financial Times. «Sie haben Tony Blair
beschissen! Da haben sie behauptet, Saddam hätte
Massenvernichtungswaffen versteckt. Und jetzt erweist sich das als
megalomane Lüge!» Einstein ist so beleidigt, als hätten die Kollegen
Bush und Rumsfeld ihn selber und nicht nur «seinen» Premier
verarscht. Naja, selber schuld, kann die Frogg da nur sagen. Dass
an dem Getue um Saddams Waffen irgend etwas faul sein musste,
ist sogar der gutgläubigen Provinzjournalistin aus Frösch
aufgefallen.
Auch Andreas Frogg, Philemon’s Bruder, hat ein Problem mit den
Amis. Seines Zeichens Assistent an einer Uni, macht er aus seinem
Ärger keinen Hehl: «Die ruinieren unser Bildungssystem. Die
zwängen uns ihr eigenes System auf, rotten das Mittelmass im Land
aus, und die Spitzenleute wandern in die Staaten ab.» «Äh,
entschuldige, aber...», brummelt die Schwester, etwas beunruhigt
darüber, dass ihr Informationsstand da anders ist als der des
gescheiten Bruders. «... ich glaube, die Schweiz übernimmt das
Hochschulsystem von der EU, nicht von den USA. Du weisst doch,
Bologna und so.»
Aber, zugegeben, auch die Frogg ärgert sich über die Amerikaner: Da
verschulden sich diese Idioten bis über beide Ohren bei der ganzen
Welt. Und weil sie endlich gemerkt haben, dass sie sich ihren
permanenten Kaufrausch gar nicht hätten leisten können, werten sie
einfach den Dollar ab. So dass unsere Exporteure weniger Kohle für
ihre Ware bekommen. Wohl bekomm’s der helvetischen
Inseratewirtschaft und damit Philemon Frogg’s Lohn und
Karriereaussichten.
Eine Frechheit! Und das zu einem Zeitpunkt, wo unsereiner für kein
Geld der Welt die künstlich herbeigeführte Dollarschwäche für eine
Reise in die Staaten nutzen würde. Dort gibt es derzeit wirklich nichts
zu sehen. Ausser vielleicht Tigers Bruder. Aber der ist, wenn man
sich’s genau überlegt, auch nicht besonders sehenswert. Hat in New
York die grosse Karriere als Cartoonist gemacht. Und wenn er mit
dem Tiger telefoniert, lautet seine dritte Frage in seinem mittlerweile
stark kaugummiverbreiterten Zürichdeutsch stets mit Sicherheit:
«Und wie geht’s Philemon? Arbeitet sie immer noch bei diesem
Fröscher Käseblatt?» Mal ehrlich: Wer braucht so einen Schwager in
spe in seinen sauer verdienten Ferien?
Was mich dorthin führt, wo ich schon lange hinwollte: zum Thema
Ferien. Die beginnen bei Frogg und Tiger am kommenden Freitag.
Und die diesjährige Reise führt nicht über den grossen Teich. Nein,
nicht einmal ans Mittelmeer. Ja. Auch wir verweigern der
Weltwirtschaft die dringend benötigten Flugmeilen. Denn diese
Ferien führen uns über den Gotthard ins Tessin. Zu Fuss. Weshalb
ich damit nicht schon lange herausgerückt bin? Weil ich überzeugt
bin, dass Philemon’s mystischer Marsch in den Süden kein Schwein
interessiert. Ausser dem Tiger. Und den auch nur, weil er mitmuss.
Warum man überhaupt zu Fuss über den Gotthard marschiert als
gäbe es dort keine Autobahn und keinen Eisenbahntunnel? Also, es
ist doch so: Wenn Hamlet heute leben würde und eine Frau wäre,
dann würde sein selbstzerstörerisches Dilemma ja nicht lauten: «To
be or not to be / that is the question», sondern «Fit oder fett / das ist
die Frage». Bei Philemon Frogg hat der Kompromissversuch in den
letzten Monaten ein bisschen stark nach «fett» ausgeschlagen («Wer
lebensmüde ist, soll wenigstens anständig essen», lautete ihre
Devise. Jetzt ist eben Fitness angesagt.
«Moment, Moment!» ruft Philemon eben. «Das ist noch nicht mal die
halbe Wahrheit.» «Stimmt», sage ich, ganz im Ton der Frau
Redaktorin, die stets weiss, was den Leser interessiert: «Der wahre
Grund ist doch Deine Gotthard-Obsession! Und mit einer
Gotthard-Obsession lockst Du keine einzige Leserhand auf die
Maustaste! Besser eine Notlüge als gar keine Leser, sage ich!»
Keine Leser – das wäre tatsächlich fatal. Besonders, weil dies ist der
Eintrag ist, mit dem wir uns für die nächsten drei Wochen von
unserer Leserschaft verabschieden. Also: Macht’s gut Leute, und bis
dann!
fröhlich
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