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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 06.06.2003, 12:06 Uhr


Aufklärung auf schweizerisch oder: Die Römer nannten ihn Mons Elvelinus

«Du musst den Lesern Deines letzten Eintrags erklären, was eine
Gotthard-Obsession ist. Vielleicht interessiert das ja doch
jemanden», drängt Philemon Frogg. «Philemon! Wir wollten doch an
unserem Krimi arbeiten!» mahne ich. Aber nix da. «An Deinem Krimi
kannst Du die nächsten drei Wochen im Tessin arbeiten. Jetzt setz
Dich hin und schreib!» Seufz. Nun sagt mir: Wer braucht Feinde,
wenn er ein solches alter ego hat?! Doch zur Gotthard-Obsession:
Bei ihr handelt es sich um den innigen Wunsch, alles über diesen Pass
in der Mitte der Schweiz zu wissen, ja, sich ihn irgendwie anzueignen.
Warum so eine Gotthard-Obsession entsteht? Nun: Der Gotthard ist nicht
irgendein Pass. Oh nein. Er hat eine lange Geschichte.

Schon die Römer kannten ihn. Sie nannten ihn Mons Elvelinus, wussten aber
nichts Rechtes mit ihm anzufangen. Er war zwar die kürzeste Verbindung
zwischen Italien und Germanien. Aber wer ihn von Süden überquert und ein
kleines Hochtal namens Ursern durchschritten hat, gelangt an einen gfürchigen
Abgrund: zur Schöllenen. Einer Schlucht, die so schwierig zu durchqueren war,
dass die Römer lieber darauf verzichteten und bei der Alpenüberquerung statt
dessen den Julier oder die Gemmi nahmen. Den ersten Weg durch die
Schöllenen legten die Urschner (oder die Urner) im Mittelalter. Und
weil die Händler aus den grossen Städten Italiens den Übergang
unbedingt wollten, erhielt der Berg einen mailändischen Namen:
Er wurde Gottardus genannt – nach dem Schutzheiligen der
lombardischen Kaufleute.

Mons Elvelinus... da stellt sich Philemon einen mächtigen Berg vor,
von verschiedenfarbigen Nebeln und blauen Himmelsfetzen umweht.
Aber wie es dort oben wirklich aussieht? Keine Ahnung. Obwohl sie
den Pass schon als Kind überquert hat. Jeder Schweizer hat den
Pass schon als Kind überquert. Nur neigten die Eltern Frogg bei der
Ausführung der wichtigsten Initiationsriten für ihre Älteste stets zu
einem gewissen Übereifer. Auch die Sache mit Männlein und
Weiblein, und woher die Bébés kommen, erklärten sie der kleinen
Moni viel zu früh: in einem Alter, in dem das Kind diese Information
für vollkommen irrelevant hielt und schnurstracks vergass. So kam
es, dass sie sich im Alter von elf Jahren von ihren Schulgspanen
nachaufklären lassen musste.

Ihre erste Gotthardreise tat Familie Frogg im ersten Auto von Vater
Frogg, einer blauen Diane 4. Ein günstiger Zweitwagen, eine
Occasione, wie man solche Autos zu nennen pflegte, und Vater
Frogg würde heute wohl eingestehen, dass das Auto ein «schönes
Zuckerwassermotörli» hatte. Jedenfalls erinnert sich die Frogg vage,
dass er die letzten Meter die Schöllenenstrasse hinauf im ersten
Gang nahm. Auch erinnert sie sich an die Rostlöcher im Boden des
Autos, durch die man, wie Mutter Frogg etwas besorgt sagte, hätte
Zeitung lesen können. So schaute die kleine Moni während der
ganzen Passüberquerung auf die Rostlöcher und hoffte, eine Zeitung
würde unters Auto kommen. Dann hätte sie die Behauptung
überprüfen können. Alle ihre späteren Fahrten nach Süden gingen
dann unter dem Gotthard durch – durch den Eisenbahn- oder den
Strassentunnel.

So muss Philemon jetzt zur Nachaufklärung über den Gotthard.
Warum jedes Schweizer Kind den Gotthard überqueren muss? Der
Gotthard ist ein mythischer Pass, das von Goethe geadelte Tor zum
Süden, die ewige, als Berg manifest gewordene
Existenzberechtigung der Schweiz (näheres ein andermal, ich will
Euch hier nicht mit Napoleon langweilen) und die grösste
Wasserscheide Europas. Es soll Schweizer geben, denen es
gelungen ist, ihr Wasser auf dem Gotthard so abzuschlagen, dass
die eine Hälfte ins Mittelmeer, die andere in die Nordsee floss.

Die Gotthard-Obsession ist in der Schweiz weit verbreitet. Als Philemon
sich gestern von ihren Kollegen im Büro verabschiedete und ihre
Reiseroute bekannt gab, sagte das Chefchen jedenfalls sofort:
«Du Philemon! Wenn Du auf den Gotthard gehst, dann musst mir etwas
abklären! Ist es wahr, dass in der Urseren einst prächtige Wälder standen?»
Das Chefchen hat nämlich die These aufgeschnappt, die russischen Truppen
von General Suworow hätten in den napoleonischen Kriegen die wogenden
Wälder der Urseren abgeholzt. So soll das Tal am Gotthard zu jener
mit graugrünem Gras überzogenen Mondlandschaft
geworden sein, die es heute ist.

Aber die These ist möglicherweise den Häuptern gewisser Innerschweizer
entsprungen, die sowieso das Fremde als Ursprung allen Übels
sehen. Wahrscheinlich haben die Urschner ihre Landschaft beim
Säumerpfadebauen durch die Schöllenen selber verschandelt.

Kollege Fliedershampoo dagegen scheint unbeleckt von der Gotthard-
Obsession. Er sagte nur: «Du spinnst, an Pfingsten loszugehen!
Da schifft es doch immer, weil dann alle Pfadis ihre Pfingstlager haben!»

Wir werden sehen. Die Reise beginnt am Sonntag an der Schifflände
der schönen Touristenstadt Luzern. Die Wettervorhersage
prognostiziert jenem Tag eine hohe Gewitterneigung.


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"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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