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«Öl vom Saddam, Gas vom Putin, Holz vom Förster.»
Meine Lieben, die Ferien sind zu Ende, und da wäre ich wieder! Erst
einmal werde ich Euch hier in loser zeitlicher Reihenfolge von den
Stationen unseres mythischen Marsches über den Gotthardpass
nach dem grossen Süden berichten.
8. Juni 2003
8.40 am Bahnhof Luzern. Wir wollen unsere grossen Rucksäcke im
Zug vorausschicken. Ich erleide meinen ersten Tobsuchtsanfall: Die
Frau am Schalter nuschelt, und ich verstehe wegen meiner
morgendlichen Superschwerhörigkeit nichts. Der Tiger schon. Er
entscheidet rasch und ohne Rücksprache, denn es eilt. Unser
grosser Rucksack reist nach Airolo – und nicht, wie ich es wünsche,
nach Biasca. Jetzt weiss ich, warum hörgeschädigte Menschen
als reizbar und mürrisch gelten.
Nachdem wir unser grosses Gepäck aufgegeben haben, besteigen
wir mit einem Minirucksack (Regenschutz, Wasserflasche,
Zahnbürste, Fotoapparat) das Dampfschiff Richtung Flüelen, Kanton
Uri. Wir wollen es halten wie die Meldeläufer, die Boten und die
Warentransporteure zu alter Zeit: Die nahmen, von Basel kommend, in
Luzern auch das Boot nach Flüelen. Früher aber war es wohl anders als heute.
Heute ist Pfingstsonntag, und das Schiff ist zum bersten voll. Wir pferchen
uns ins Restaurant, trinken Kaffee und betrachten Berge und die finsteren
Wolken, die aufziehen.
11.50 Endlich. Das Schiff legt in Flüelen an. Der grosse Harst der
Sonntagswanderer dreht zur Seeufer-Route. Hier gibt es den «Weg
der Schweiz» einen idealpatriotischen Erholungswanderweg. Er führt
auch am Rütli vorbei, jener sagenumwobenen Wiese, auf der
angeblich die Schweiz gegründet wurde. Wir aber wählen die real
existierende Schweiz und schreiten gen Süden, hinein ins Tal. Weit,
weit hinten sehen wir einen mächtigen, schneebedeckten Berg: den
Bristen. Am Fuss dieses Berges, in Amsteg, wollen wir übernachten.
Wir marschieren auf dem Reussdamm, links der Fluss, gleich
daneben die Autobahn. Heute ohne Lastwagen, dank
Sonntagsfahrverbot. Die Magerwiesen auf dem Reussdamm
schäumen über vor Blumen. Es ist immer noch sehr bewölkt.
15 Uhr. Erstfeld. Scharen von Maikäfern hängen an den Büschen auf
dem Damm. Wir sind zwei Stunden lang vor einer Gewitterfront
hermarschiert. Kurz vor Erstfeld überholte uns die Wolkenfront, und
es begann zu tröpfeln. Ich packte gerade meinen Regenschutz aus
da rettete uns mit mächtiger Hand der berühmt-berüchtigte älteste
Urner: der Föhn, ein heisser und trockener Südwind. Er fegte die
Gewitterwolken talauswärts und sorgte für strahlend blauen Himmel
– und einen Gegenwind so lärmig wie die Autobahn und so
anstrengend wie Höhenmeter!
In Erstfeld stehen die letzten Obstbäume auf der Alpennordseite
(glauben wir), und wegen der Gotthardeisenbahn wohnen hier viele
Lokführer. Das Dorf scheint ein Hort der Friedensbewegung zu sein:
Es hängt voller "Pace"-Flaggen, und sogar die Wände des
Kindergartens sind in Regenbogenfarben gehalten. Etwas weiter
unten haben wir auf einer Scheune ein Transparent mit einer
Werbebotschaft gesehen: «Öl vom Saddam, Gas vom Putin, Holz
vom Förster.» Hinter Erstfeld hört die Ebene auf, das Tal wird eng,
hier liegen die trügerisch leichten Anfänge des grossen Steigens.
17.50 Ankunft in Amsteg. Wir beziehen ein Zimmer im Hotel Sternen
Post, direkt im Schatten des Bristen, den wir von Ferne gesehen
haben. Es ist das einzige Hotel vor Ort und muss seine grosse Zeit
gehabt haben, als noch Postkutschen den Gotthard hinauf- und
hinunterfuhren. Seither scheint es mit dem Etablissement aber
unaufhaltsam bergab zu gehen. Ungefähr seit 1967 haben die
Wände in unserem Zimmer jedenfalls keine frische Farbe gesehen.
Zum Essen gehen wir auf die Terrasse des Hotels: «Hier schattige
Terrasse», führt uns ein Schild. Wir sind froh.
21 Uhr. Spaziergang in Amsteg. Am oberen Ende des Dorfes steht
ein monumentales Elektrizitätswerk. Zwei Rohre bringen Wasser
vom Berg herunter. Daneben fährt eine sausteile Bahn hinauf in ein
abgelegenes Tal. Aber nur derzeit, weil gerade die Strasse
verschüttet ist. Bei der Talstation steht inmitten seiner Grossfamilie
ein Hüne, der bis zu den Sandalen aussieht wie Wilhelm Tell. Er will
nach Hause, ins Tal, hat einen roten Kopf und schimpft mit dem
Fahrkartenverkäufer, weil die Bahn von eben nicht auf ihn und die
Seinen gewartet hat. Der Alte am Schalter lässt sich nicht aus
der Ruhe bringen. Man habe den ganzen Tag hart gearbeitet, sagt er:
«Tüüsigäihündert Gescht hemmiär hitt transportiärt», berichtet er der
staunenden Runde. «Nit ämal Zit fir äs Kafi ga z‘ süffe hemmiär gha!»
23 Uhr. Auch wir sind müde. Wanderer gehen eben mit den Hühnern
ins Bett.
Und zu heute? Glaubt mir, es geht mir 9 mal 19 Mal beschissen.
Meine Ohren sind eine Katastrophe!
niedergeschlagen
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