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«Wenn Du wissen willst, wer die Leute hier sind, geh auf den Friedhof»
Die Frogg ist wieder kreuzfidel und hört sogar etwas besser.
Deshalb kredenze ich Euch jetzt die Fortsetzung unseres
Reiseberichtes vom Gotthard. (Erster Teil: «Öl vom Saddam...»,
Eintrag vom 7. Juli. Dies ist der zweite Teil und ein Nachtrag zu den
Erlebnissen vom 8. Juni
Abends um 21 Uhr im kleinen Urner Dorf Amsteg. Wenn wir als
Kinder auf Reisen in ein Dorf kamen, pflegte Mutter zu sagen: «Lasst
uns den Friedhof ansehen! Dann wissen wir, wer die Leute hier
sind.» Mutters Begründung dafür: In einem kleinen Dorf finden sich
immer dieselben zwei oder drei Familiennamen auf sehr vielen
Grabsteinen wieder. Mutter glaubt eben die charaktergebende Kraft
der Familie, des Clans, glaubt an Sippenhaftung und daran, dass
von keinem, der zum Beispiel Eberli heisst, etwas Gutes kommen
kann. Das alles erzählte ich dem Tiger, derweil ich ihn auf den
Friedhof von Amsteg locke. Ich selber glaube zwar nicht daran. Aber
die Sache mit den Namen fasziniert mich dennoch irgendwie.
Es war still und moosig dort, und es dämmerte über den Bergen.
Jene, die hier in im Schatten des mächtigen Bristen und einiger
Tannen ruhen, hiessen fast immer Tresch, Walker oder Gnos – oder
auch Walker-Tresch oder Gnos-Gnos oder vielleicht, in seltenen
Fällen, Baumann-Walker.
Nach zehn Minuten verliessen wir den Friedhof und wollten bei der
Kirche die Strasse überqueren. Aber wer kam uns da im Zwielicht
mit einem merkwürdig hell schimmernden Schal um den Hals
entgegen? Eine Bekannte aus Frösch! Isabelle Tresch, eine
schmale Fünfzigjährige mit Ecken und Kanten im Gesicht und im
Herzen. Sie leitet in der Stadt Frösch einen Theaterworkshop.
Wir hatten zwar gewusst, dass sie aus Uri stammt (wie könnte sie
auch anders, wo sie doch Tresch heisst?!). Trotzdem waren wir
überrascht, sie hier zu sehen. «Meine Mutter ist gestern
gestorben. Morgen bringen wir sie da hinten auf den Friedhof»,
erklärte sie und wischte sich verstohlen eine nicht vorhandene Träne
aus den Augen. Nicht, dass sie Trauer hätte heucheln müssen. Sie
sah geradezu verstört aus. Aber sie ist eben Isaballe Tresch, eine
Fröscher Theaterfrau. Dann rief sie: «Auf ein andermal! Ich muss mit
meinen Brüdern etwas trinken gehen!» Dann wieselte sie
dorfaufwärts, ihr Schal flatterte hell in der Dämmerung, und folgte
einer Gruppe bäuerlich aussehender Männer.
Tja, und wir pilgerten zurück ins abgewirtschaftete Hotel Sternen Post
und legten uns mit den Hühnern ins Bett!
Wer wissen will, wo wir überhaupt waren, versucht's wohl am besten
mal mit www2.maponair.com
fröhlich
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