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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 04.08.2003, 23:51 Uhr


Der beste Wurstsalat der Alpennordseite

9. Juni 2003, auf unserer Gotthardwanderung (siehe auch letzter
Eintrag)

10.50 in Gurtnellen. Schon jetzt gibt’s Mittagessen. Wir haben einen
Jetlag, weil wir mindestens eine Stunde früher als sonst zu Bett
gegangen und aufgestanden sind. Jetzt sitzen unter den
Sonnenschirmen des Restaurants «Im Feld», und es gibt
Wurstsalat. Seit Flüelen schwört der Tiger, dass er in Gurtnellen
einen Wurstsalat essen wird, keine Ahnung, wieso.

Jetzt aber bin ich es, die seufzt: «Der beste Wurstsalat auf der
Alpennordseite!» Der Tiger nickt, isst und lauscht den Leuten am
Tisch nebenan, einem halben Dutzend Einheimischen, Männer,
Frauen und Kindern, zwei der Männer haben Bärte, wie es sich hier
gehört. Sie reden über die Expo, die Schweizer Landesausstellung
vom letzten Jahr. «All die Millionen! Alles im Sand versickert!»

Wurstsalate werden fast überall in der Deutschschweiz gleich
gemacht, und jener in Gurtnellen bildet keine Ausnahme.
Wahrscheinlich schmeckt er uns vor allem deshalb so gut, weil wir
einen Mordshunger haben. Kein Wunder: Heute früh, gleich hinter
Amsteg, begann für uns die Urner Bergwelt. Steil stiegen wir auf, zu
unserer linken lag noch steiler die Bristenflanke. Am Wegrand kleine
Lawinenschutzkeller aus Beton. Hoch darüber Häuser aus
altersschwarzem Holz. «Was machen Lawinenschutzkeller unterhalb
der Häuser?» fragt der Tiger. Eine berechtigte Frage: Wenn so eine
Lawine kommt, hat doch niemand mehr Zeit, aus dem Haus hier
herunter in die Keller zu rennen. Ausserdem sehen die Häuser dort
oben nicht so aus, als würden sie alle zwei Jahre von Lawinen
weggerissen.

Wir vermuten Missbrauch von Bundesgeldern. Die Leute hier in den
Bergen stehen im Ruf, gewiefte Bundesgeld-Abzocker zu sein. Sicher
wollte hier jemand eine lokale Baufirma auf Bundeskosten sanieren!

Erst auf dem Nachhauseweg werden wir vom Zug aus sehen, dass
hier die Bergflanke fast senkrecht in den Himmel schiesst. Viel höher
als wir das vom Weg aus gesehen haben. Und dass oben, links von
den Häusern, ein Hang liegt, auf dem es auch einer dicken
Schneelast schon mal schwindlig werden kann, so dass sie dann
schräg nach rechts hinunter auf das Strässchen stürzt.

Sorry, Urner!

Etwas weiter, Hinteres Ried heisst es hier, sehen wir die letzte
Traubenpergola der Alpennordseite, auf über 700 Metern über Meer.
Sie trägt sogar Früchte. Die Sonne scheint, am Wegrand schimmern
reife Erdbeeren im Grün. Es ist wunderbar! Damit uns die Idylle nicht
zu perfekt wird, blicken wir ab und zu nach rechts, den Hang hinunter.
Dort sieht man die Eisenbahn, die Kantonsstrasse, die Autobahn,
alle im schmalen Talgrund um den Fluss herumgezwängt.

Die Frogg denkt zurück an frühere Zugreisen ins Tessin. Wenn sie
auf die Häuschen hier blickte, schienen die immer zu winken und zu
singen: «Nach Süden! Nach Süden!» Dorthin, wo es warm und man
freier ist und das Leben geniessen darf. Diesmal stellt sich
Vorfreude nur halbwegs ein. Da, wo wir hingehen, hat der Süden gar
noch nicht richtig begonnen. «Es regnet viel im oberen Tessin!» hatte
der Tiger gewarnt. Warum er unbedingt dorthin in die Ferien will, ist
mir immer noch ein Rätsel.

Nach dem Ried fällt der Weg steil ab. Unser Wanderführer weist uns
an, die Kantonsstrasse zu überqueren und hinauf nach Gurtnellen zu
steigen. Es ist steil und wir schwitzen. Oben wird mir klar: Oh nein!
Wir müssen später wieder absteigen! Gurtnellen gibt’s zweimal!
Oben auf 930 Metern, bei Restaurant und Wurstsalat, ist der Ort ein
Bergdorf mit Ferienhäusern, Bauernhöfen und zwei Beizen. 200
Höhenmeter weiter unten an der Bahnlinie und einen Kilometer
weiter südlich ein seit Jahrzehnten verlotterter Versuch, einen
Schwerindustrie-Standort aufzubauen. Ein Bild des Jammers und
der alpinen Strukturschwäche. Keine Spur von sehenswert! Aber erst
in Gurtnellen tief führt der uns im Buch vorgegebene Weg weiter.

«Nun sag mir mal, wieso unser Wanderführer uns da hinauf- und
dann wieder hinuntergejagt hat?!» jammere ich beim Kartenhalt
mitten in Gurtnellen tief. Eben ist mir klargeworden, dass es gleich
wieder aufwärts gehen wird. «Ist doch nicht so schlimm!» ruft der
Tiger. «Es war doch so schön dort oben! Und der Wurstsalat war so
gut!» Ausserdem, mutmassen wir, haben die Autoren des Buches
versucht, uns vor einem hässlichen Wegstück der Strasse entlang zu
bewahren.

«Ich werde mich über diese gestohlenen Höhenmeter beklagen!»
sage ich trotzig. Dann marschieren wir weiter.

Geeignetes Kartenwerk für Euch: www2.maponair.com

Gibt es hier keinen Button «finster entschlossen»?


Dead schimpfend


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"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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