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Startseite » Tagebuch » User: Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.]
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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 06.08.2003, 13:22 Uhr


Der peinlichste Moment der ganzen Reise

9. Juni 2003, 13.50 Uhr. Der Tiger sitzt am Waldrand, hält einen
Zugfahrplan in der Hand und blickt gespannt auf die andere Talseite.
Dort steht das Dorf Wassen, mitten drin die Kirche, drum herum viele
Löcher, Mauern und Eisenbahnschienen.

Vor zwei Stunden sind wir in Gurtnellen losmarschiert. Schon kurze
Zeit später stelle ich fest, dass unser Weg am Hang zwischen zwei
weit auseinander liegenden Bahngleisen verläuft. Merkwürdig, denke
ich, hier gibt es doch nur eine Bahnlinie, nämlich die über den
Gotthard. «Du, Tiger?» frage ich. Wieso gibt es hier zwei
Bahnlinien?» «Zwei Bahnlinien? Ach so!» der Tiger entdeckt gerade
die zweite über uns und ruft aus: «Aber Philemon! Das sind doch die
Kehrtunnels!»

«Die Kehrtunnels!!! Wie konnte ich die Kehrtunnels vergessen?!» Ich
erröte unter einer Schweissschicht. Die Kirche von Wassen hatten
wir doch schon beim Abstieg von Wurstsalat- Gurtnellen gesehen!
Nur frivol wird auf Anhieb verstehen, wieso dieser Moment der für
mich peinlichste auf der ganzen Reise war.

Euch anderen muss ich die Sache wohl erklären. Jedes Schweizer
Kind kennt die Kehrtunnels und das Kirchlein von Wassen. Die
Kehrtunnels waren eine Glanzidee der Gotthard-Bahningenieure (der
Gotthard-Eisenbahntunnel wurde 1882 eröffnet und war damals der
längste Eisenbahntunnel der Welt und der Stolz der Nation). Vor dem
Tunnelbau ochsten die Reisenden in Postkutschen über den Pass
und die Transporteure hatten statt Lastwagen Maultiere.

Naja, der Tunnelbau war das eine Problem. «Wie aber überwinden
wir die kräftige Steigung zwischen Göschenen, Wassen und
Gurtnellen?» sinnierten die Ingenieure. Sie dachten lange nach.
Dann kam einer auf eine Glanzidee. Er erfand die Kehrtunnels:
Kreisförmige Tunnels im Berg mit zugtauglicher Steigung. Immer
wenn der Zug beim Aufstieg aus so einem Tunnel herauskommt, ist
er zwar noch ungefähr an derselben Stelle, aber hundert Meter höher.

Rund um Wassen gibt es drei dieser Tunnels. Deshalb machte jener
Ingenieur mit seiner Erfindung auch gleich das Kirchlein berühmt.
Denn dank der Kehrtunnels sieht man es vom Zug aus nach jedem
Tunnel aus einer anderen Perspektive – insgesamt dreimal (siehe
am besten
auf www.wassen.ch).

Für Zugreisende ist das beeindruckend und verwirrend und
legendär und
hat zur Folge, dass sie im Zug nach Süden immer wieder dasselbe
erleben: Irgend ein Familienvater hüpft von Zugseite zu Zugseite,
streckt den Zeigefinger in alle Richtungen und ruft, damit den ganzen
Wagen nervend: «Schaut mal! Das Kirchlein von Wassen! Und jetzt
ist es dort! Und jetzt dort!» Seine Kinder schauen dann jeweils
gelangweilt. «Wer will heute noch eine Kirche sehen?!» denken sie
wahrscheinlich. Oder: «Ja, ja, Papi, das wissen wir doch alles
schon!» Die Szene ist den Gotthard-Reisenden so vertraut, dass
Emil in den siebziger Jahren eine Nummer darüber machte, über die
sich die halbe Schweiz kugelte. Die Züge Richtung Norden fahren
zwar auch durch die Kehrtunnels abwärts. Aber dann sind selbst
Familienväter auf Heimreisedepression und nicht mehr so an
Kehrtunnels interessiert.

Der Tiger, von Haus aus Geograf, ist ebenfalls immer wieder
elektrisiert
von der Idee der Kehrtunnels. Deshalb hat er gegen meinen Willern
bei Wassen einen ausserterminlichen Stundenhalt durchgesetzt. Der
Hang von Wassen, stellen wir Fussgänger fest, sieht aus als würden
die Wassner Reisfelder anlegen wollen. Nur, dass auf den
Terrassen Züge fahren. Im Zickzack, aus immer wieder unerwarteten
Richtungen aus einem Tunnel kommend.

Dummerweise haben wir ein Loch im Fahrplan erwischt, so dass wir
eine geschlagene Viertelstunde warten müssen, bis endlich ein Zug
aus Süden kommt. Nun kann der Tiger aber genau verfolgen, wie die
Bahnstrecke verläuft. Das findet er grossartig.

Unterdessen haben wir militärische Gewohnheiten für uns adaptiert.
Der Tiger, der sich in den achtziger Jahren aus der Armee gehungert
hat, hat mir ein paar militärische Kommandos beigebracht:

«Marschbereit» heisst: «Die Truppe muss innert zehn Minuten
losmarschieren können.»
«Supermarschbereit» heisst: «Die Truppe muss sofort aufstehen
und loszotteln können.»

Bei uns spielt sich das so ein: «Marschbereit?» fragt der Tiger.
«Supermarschbereit!» sagt die Frogg, wirft sich den Rucksack über
und steht auf. Und weiter geht’s, Richtung Göschenen.



Betrunken fröhlich


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  weiblich philemon frogg [ 45 J.]
"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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