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Startseite » Tagebuch » User: Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.]
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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 15.08.2003, 20:12 Uhr


Eine Nacht im Geisterhaus von Göschenen

Wir erreichen Göschenen kurz nach 16 Uhr (noch immer schreibe ich
hier den 9. Juni 2003). Meine Füsse fühlen sich an, als wäre ich den
ganzen Tag barfuss auf einem rostigen Kuhgitter herumgehüpft. Ich
weiss zudem genau, wo ich vergessen habe, Sonnecreme
hinzuschmieren. Auf der Schulter zum Beispiel. Dort leuchtet neben
dem T-Shirt ein roter Halbmond.

Göschenen hat den Glanz besserer Zeiten fast aufgezehrt. Das Dorf
hängt über einer kleinen Schlucht, viele Häuser verfallen still. Gleich
hinter dem Bahnhof ein grosses Loch im Berg – der
Gotthard-Eisenbahntunnel. Hier am Bahnhofbuffet legten die ersten
Eisenbahn-Fahrgäste einen Verpflegungshalt ein. Heute gibt es
direkt am Dorfrand ein weiteres Loch im Berg: den
Gotthard-Strassentunnel, eröffnet 1980.

Nicht viele Gotthardreisende halten heute noch hier. Trotzdem gibt es
drei Hotels im Dorf. Zwei davon auf dem Dorfplatz. Eines ist
geschlossen, das andere schweineteuer. Tiger will ins dritte, die
«Krone», mit den äusserst günstigen Zimmern (25 Franken pro
Nacht und Nase). Ich zücke mein Handy und rufe an. «Klar haben wir
Zimmer frei!» lacht die Wirtin. «Gehen Sie über die Brücke und die
Kantonsstrasse hoch, dann finden Sie uns problemlos, die Krone ist
ein uraltes Schindelhaus!» Wir humpeln los.

Als ich die «Krone» wenig später sehe, stockt mir der Atem: Sie ist
ein urururaltes Schindelhaus. Die Schindeln sind wettergebleicht, die
Fensterrahmen morsch, der Querbalken unter dem Dach sieht aus,
als halte er sich mit schierer Willenskraft fest. Meine Atmung wird
auch nicht besser, als wir die Bruchbude betreten haben. In allen
Räumen jener süssliche Hauch verfallender Holzhäuser, der mich
seit meiner Kindheit anwidert.

Wir bleiben trotzdem und gehen erst mal duschen. Die Frottiertücher,
die wir kriegen, sind sauber. Aber nicht zwei von ihnen haben
dieselbe Farbe, und man sieht ihnen an, dass sie viel erlebt haben.
Das Design der Dusche ist entschieden siebziger Jahre und erinnert
die Frogg an ihren Onkel, Eugen Walholz den Dritten. Es sieht hier
genau so aus, als hätte er die Nasszelle eben verlassen, um
dreissig Jahre verjüngt, wäre schnurstracks ins Tal M., nicht weit von
hier, zurückgekehrt und würde nun dort gerade die Zeit in die
siebziger Jahre zurückdrehen. Damals besass Onkel Eugen einen
Opel Manta, liebte James Last und trug orange Hemden und einen
Backenbart.

Wir essen unten an der Strasse. Dort hat das Wirtepaar, beide Typ
Landfreak, ein paar Holztische hingestellt. Drum herum sitzen
Motorradfahrer auf dem Weg nach Süden und ein paar
Einheimische. Seit die Umfahrungsstrasse eröffnet worden sei,
könne man hier sogar draussen sitzen, sagt die Wirtin. Sie stammt
aus dem Kanton Zürich und ist eine Plaudertasche. Er ist
schüchtern, aus der Gegend, trägt einen Bart, und heisst (soll ich ein
Ratespiel machen? Ne, ich werd’s Euch sagen): Tresch. Sie
beglückwünscht uns zu unserer Hotelwahl. «Das Hotel
Reussgletscher ist doch total überteuert! Seit der Wirt geschieden ist,
geht der Laden kaputt! Seine Frau war gut! Aber jetzt führt er es allein,
und seit er wieder geheiratet hat, säuft er nur noch, kassiert und
schaut überhaupt nicht mehr zum Geschäft. Eine Chinesin hat er
geheiratet. Die will jetzt ständig ausziehen und steht mit den Koffern
am Bahnhof. Aber dann kommt sie doch wieder zurück. Hat wohl das
Geld gerochen, die Pekingente!» Natürlich weiss Frau Tresch um
den desolaten Zustand ihres eigenen Hotels und schimpft tüchtig
über ihren Verpächter: «Er will überhaupt nicht investieren! Unser
Pachtvertrag läuft vier Jahre. Und ich sage Euch, wenn er abgelaufen
ist, dann gehen wir, nehmen die Tische vor dem Haus wieder weg
und zerhacken sie mit dem Beil!»

Der Abend senkt sich unbarmherzig über die Geröllhalde auf der
anderen Talseite. Wir sind k.o. und gehen früh zu Bett. Ausser uns
gibt es noch zwei Gäste – Deutsche Touristen mittleren Alters. Vor
dem Einschlafen schwebt eine Dame in langen Kleidern und einem
breitrandigen Hut vor mein geistiges Auge – eine frühe
Gotthard-Eisenbahnreisende wohl. Einst, weiss ich, hat der
Tunnelbauer Louis Favre in diesem Haus übernachtet. Kurz bevor
ihn der Tunnelbau 1879 noch vor dem Durchstich das Leben kostete.
An die Arbeiter, die hier unter dem Berg wie die Fliegen starben, will
ich lieber gar nicht erst denken. Dafür sehe ich noch die Pekingente
mit ihren Koffern am Bahnhof. Dann schlafe ich ein.

Zum Frühstück gibt’s Kaffee und Brötchen mit Gerber-Chäsli, kleine
Weichkäse-Dreiecke, in Alufolie verpackt. Die katapultieren die Frogg
schon wieder in die siebziger Jahre zurück. Damals hat sie das
Zeug, das billig ist und säuerlich am Gaumen klebt, zum letzten Mal
gegessen.

Als wir vorgestern, am 14. August, mit unseren Gästen aus England
eine automobile Passfahrt machten, hätte ich gerne unterwegs in der
Göschener «Krone» einen Kaffee getrunken. Aber der Tiger sagte:
«Vergiss es! Das braucht viel zu viel Zeit! Du willst ja dann an der
Schöllenen schon wieder halten!» So überliessen wir Göschenen
der Vergangenheit.

Wehmütig


Betrunken fröhlich


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  weiblich philemon frogg [ 45 J.]
"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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