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Startseite » Tagebuch » User: Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.]
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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 31.08.2003, 23:26 Uhr


Am dritten Tag betreten wir heilige Erde und der Teufel besorgt uns Zeckenbisse

«Aber sei vorsichtig, Reisender! Der Teufel ist hier in den Bergen niemals fern!» sagt Sankt Godehardus am Ende der Tonbildschau im Gotthard-Museum mit väterlicher Stimme.
Ja, weiss Gott! Auch uns hat der Teufel nicht in Ruhe gelassen. Uns hat er zwei Zecken besorgt. Wir entdecken sie beim Duschen im Gotthard-Hospiz. Eine hockt auf meinem rechten Oberschenkel, eine auf der linken Wade vom Tiger.

Da haben wir wahrhaftig zu Fuss den Gotthard erklommen. Und nun muss die Frogg auch noch Zecken aus Beinen entfernen! Sie würde kreischen, wenn sie noch könnte. Aber sie ist total kaputt.

Dabei war am Morgen noch alles so einfach. Schon eine Marschstunde nach
Göschenen umrundeten wir einen Felsen, und schon hatten wir die berühmte Schöllenenschlucht erreicht und betraten ein Schweizer
Nationalheiligtum: die
Teufelsbrücke.

Unter der Teufelsbrücke schäumt die Reuss türkisgrau wie Gletschermilch und schon ennet der Brücke sahen wir ein weiteres Schweizer Nationalheiligtum – auf heiliger russischer Erde. Ja, genau, auf russischer Erde: das Denkmal für General Suworow. Ihn verehren ältere Schweizer noch heute. Suworow ist der Russe, der einst die Alpen überquerte und dabei seine eigene Armee fast ausrottete. Sie verehren ihn, obwohl er Krieg für eine so rekationäre Sache führte! Für ein Europa von Gottes Gnaden!

Doch auch die Frogg war gerührt am Suworow-Denkmal. Endlich konnte sie dem Tiger wieder einmal zeigen, dass sie kyrillische Schriftzeichen lesen gelernt hat. Genüsslich entzifferte sie die Wörter auf dem Stein.

Schon als wir wenig später das Urserntal erreichten, war ich müde. Sehr müde. «Heute ist eben der dritte Reisetag», sagte die Frogg, «Der dritte Reisetag ist immer der schlimmste. Das weiss jeder.»

Aber wir gönnten uns keine Schwäche, durchquerten das Urserntal und machten uns auf den Weg Richtung Passhöhe. Bald hatten wir die letzten Dickichtflächen durchquert (hier muss der Teufel gesessen und uns die Zecken an die Beine geschickt haben) und überschritten die Baumgrenze.

Nach dem Picknick an einem Bergseeli war die Frogg euphorisch. Wohl die Opiate, die ein
erschöpfter Körper freisetzt. Oder die Landschaft. «Ein klassisches U-Tal!» sagte der Geografentiger. Die Frogg liess den Blick in die Höhe schweifen und rief aus: «U-Täler! Sie sind die Hängematten des lieben Gottes! Hier pflegt Er zwischen mächtigen, sanft abfallenden Bergflanken des Nachmittags majestätisch zu ruhen.»

Heute schien der liebe Gott nicht hier zu ruhen. Wenn er hier gewesen wäre, dann hätte er der Frogg etwas Kraft in die Beine gegeben. Vielleicht hat er sich ja längst einen anderen Ruheplatz gesucht, weil seit Jahrzehnten die Gotthardstrasse an einer Flanke dieses U-Tals entlang führt. Mit viel Verkehr.

Auch die Frogg ruhte hier nicht. Sie marschierte weiter. Sie glaubte: «Wenn wir das Ende des U-Tals erreicht haben, sind wir oben.» Aber sie irrte sich. Weiter oben folgten weitere Hänge und Flanken, und bald war sie wieder erschöpft. Sehr erschöpft diesmal. Nur dank einem Trick kam sie überhaupt noch weiter. Ein guter Trick. So gut, dass ich ihn lieber in einem separaten Eintrag erörtern werde.

Endlich verliessen wir den Kanton Uri und betraten das Tessin. Ab jetzt si parla italiano so gut es ging. Je näher wir der Passhöhe kamen, desto chaotischer wurde die Landschaft. Aus allen Richtungen floss uns Wasser in die Schuhe, hier und dort klebte an den Hängen ein Schneerest. Oder wieder eine von mindestens zwei Passstrassen.

Wir erreichten die Passhöhe nach sechs Stunden Marsch. Hier bemerkten wir auch die berühmte Gotthard-Wasserscheide. Das Wasser, das uns bislang auf Urner Boden durch die Schuhe geflossen war, mündet in den Rhein. Die Tessiner aber haben von der Passhöhe weg ein Gully am Wegrand gebaut. Das Wasser, das durch dieses Gully rauscht, fliesst ohne Umweg über unsere Schuhe ins Mittelmeer.

Dann kamen wir zum
Gotthard-Hospiz
einem weiteren Nationalheiligtum, einem historischen Museum mit sprechendem Heiligen und Teufel, Militärmuseum und Hotel.

Im Hotel übernachten wir. Ein einfaches, aber schmuckes Haus. Neu renoviert. Wir erkundigen uns dort, ob die Zecken hier Träger gefährlicher Viren sind. Das gelingt uns, obwohl wir nicht wissen, was «Zecken» auf italienisch heisst. «No, no», lautet die Antwort.

Erst am nächsten Morgen stellt sich bei uns so etwas wie Triumphgefühl ein. Wir haben den Gotthard zu Fuss bestiegen! Wir beschliessen, es noch einmal mit dem Teufel aufzunehmen und machen uns an den Abstieg durch die Tremola.

(erlebt am 10. Juni 2003). Wer jetzt noch mehr über den mythischen Marsch hören will, muss sich melden. Wenn ich nicht fünf begeisterte Ja-Stimmen zusammenkriege, höre ich auf.


Sleepy müde


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Tier: "Obwohl ich weiss, wie's weiter ging, sollte un ..."
inorbit: "ach, wie sehr ich doch diese alpenländischen sagen ..."
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  weiblich philemon frogg [ 45 J.]
"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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