|
«Iss nicht so viele Dörraprikosen!» schimpft der Tiger
Am 11. Juni steigen wir hinunter nach Airolo. Der Weg führt die
Tremola entlang. Sie ist die kultigste Strasse der
Schweiz. 26 Haarnadelkurven, rotes, löchriges Pflaster, alle 100
Meter eine altertümliche Notrufsäule. Jahrzehntelang wälzte sich
der ganze motorisierte Verkehr von und nach Italien hier hinauf und
hinunter. Erst jetzt wird mir klar, dass ich Euch im Prolog meines
Gotthard-Epos einen Mist erzählt habe. Vater fuhr uns in den späten
sechziger Jahren, in seiner ersten Diane, im ersten Gang nicht die
Schöllenen hoch – sondern die Tremola, von Süden her. Heute ist
das Bauwerk für Autos gesperrt. Es gibt eine zweite Strasse. Aber
Rad- und Motorradfahrer lieben sie.
Am Fusse der Tremola steht ein wandloses Gebäude. Sieht aus wie
ein überdimensioniertes Gartenhäuschen aus Plastik und Beton.
«Wieder ein Lüftungsschacht für den Gotthard-Strassentunnel»,
bemerkt der Tiger, «Jemand hat mir erzählt, dass aus diesem
Schacht stinkiger, pechschwarzer Rauch drang. Damals, als der
Strassentunnel brannte.» Damals, das war in jenem Herbst der
internationalen und nationalen Traumas: Erst die Twin Towers in
New York. Dann der Amoklauf in Zug mit mehr als einem Dutzend
toten Politikern. Dann kollabierte die nationale Fluggesellschaft
«Swissair». Und schliesslich rammte im Gotthardtunnel
ein betrunkener Lastwagenfahrer den Gegenverkehr. Ein
Grossbrand war die Folge, 10 Tote, einen Tag lang konnten nicht mal
die Rettungskräfte den Tunnel betreten. Mit dem Tunnelbrand als
Anlass spielte sich bei den Fröscher Nachrichten ein Machtkampf
zwischen dem Feldweibel und der Frogg ab. Der Feldweibel gewann.
In jenem Herbst war es, als hätte die Welt jederzeit untergehen
können.
Wir picknicken gelassen beim Gartenhäuschen. «Iss nicht so viele
Dörraprikosen!» schimpft der Tiger.
Eineinhalb Stunden später erreichen wir Airolo. Dort, auf dem
Bahnhof, wartet auf jeden von uns ein grosser Rucksack. Der Tiger
hat es eilig, nach Prodör in unser Haus zu kommen. Er war schon oft
in Prodör. Für ihn ist das Feriendörfchen auf 1600 Metern über Meer
ein Ort voller Geschichten. «Es liegt so hoch, dass die Flugzeuge
manchmal unter unserem Haus durchs Tal fliegen. Du wirst sehen!»
verspricht der Tiger.
Als wir nach einer umständlichen Reise mit Zug und Postauto dort
ankommen, zeigt er mir erst mal Die Ortstafel. Darauf steht «Prödor»
statt «Prodör». Da hat wohl das Tessiner Strassenverkehrsamt Mist
gebaut. Jemand habe früher versucht die falschen ö-Punkte mit
Tipp-Ex wegzupinseln und sie schwarz über das richtige «o» gesetzt.
Aber inzwischen sind Tipp-Ex und schwarze Farbe wieder weg.
Zehn Minuten später betreten wir ein kleines, blaues Ferienhaus.
Unsere mythische Reise ist beendet.
Nun folgt noch der Epilog meines Gotthard-Epos. Er wird «Geile
Typen und ihre gelben Höllenmaschinen» heissen.
Diesen Eintrag widme ich frivol (mit herzlichem Gruss). Und Rabi,
der mir was über's Verlinken beigebracht hat. Wer jetzt noch Fehler
findet, soll sich melden!
fröhlich
|