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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 24.10.2003, 23:12 Uhr


Leise Frustration über MyTagebuch. Und: eine Frage an Euch Männer

Manchmal fühle ich mich einsam hier auf MyTagebuch. Manchmal
möchte ich Sätze schreiben wie: «Das einzige, worauf man sich in
Frösch verlassen kann, ist der Kantönligeist.» Aber wen von Euch
würde das schon interessieren? Schliesslich sind gut 80 Prozent von
Euch, meinen Leserinnen und Lesern, Deutsche. Ihr habt ja keine
Ahnung, was der Kantönligeist ist! Wieso auch? Wieso sollte es
Euch interessieren, welch verkrüppelnde Denkgewohnheiten wir in
diesem Land haben? Und ich weiss: Wenn ich etwas schreibe, was
Euch nicht interessiert, dann lest Ihr mich einfach nicht mehr.
Scheisse.

Ich sitze hier in Frogg Hall, vor meinem Computer, ganz allein. Und
bin besoffen. Ich möchte jemanden was erzählen, der mich versteht.
Aber der Tiger ist irgendwo am arbeiten. Ich habe fünf Tage lang
täglich zwölf Stunden im Büro geochst. Dichte Stunden. 15 Anrufe,
Berge von Papier und zwei Seiten, die gelesen sein wollen.
Dienstwoche. Sechs Tage Arbeit. Der Sonntag kommt erst noch.
«Daran gewöhnst Du Dich», grinst der Bäckermeister, mein neuer
Oberchef. «Zwischendurch wirst Du Deinen Leuten zu Hause
erklären müssen, wer Du bist und dass Du hier wohnst. Aber sonst:
Easy...» Eben war ich mit meiner neuen Kollegin Elsie in der Kneipe.
Elsie, die grosse alte Dame des Fröscher Politjournalismus, eine
blitzgescheite Lady um die 50. Seit drei Wochen arbeiten wir
zusammen. Umkreisen einander. Zum Wochenende hat sie mich auf
einen Halben Roten eingeladen. Warum? Ich weiss es nicht. Ich
traue ihr nicht. «Manchmal muss man sich dumm stellen», sagte
Elsie neulich zu meinem neuen Chefchen. «Du glaubst nicht, wie
weit man kommt, wenn man sich dumm stellt!»

Elsie ist meine erste richtige Kollegin seit Jahren. Ich habe mir eine
Kollegin gewünscht, und ich mag Elsie. Aber ich finde Männer
durchschaubarer. Bei Männern weiss man, ob sie gefährlich sind
oder nicht. Die Sache mit Elsie ist kompliziert. Sie könnte meine
Tante sein. Ich aber ihr Chef. Dabei haben Leute zu mir gesagt:
«Kennst Du Elsie Weber? Sie ist die Frau, die wirklich was von
Bildungspolitik versteht.»

Aber unsere Auffassungen über unseren Beruf gehen auseinander.
Manchmal. Ich vermeide Machtkämpfe. Aber irgendwann sind sie
vielleicht unvermeidlich. Naja, ich weiss. Das alles interessiert Euch
nicht. Die meisten von Euch interessieren nur Sex und
Essstörungen. Scheisse.

Elsie und ich sitzen in der Kneipe und reden über das Essen und
unsere Männer. Ich weiss nicht, was das alles bedeutet. Ich
wünschte, ich wäre ein Mann. Männer verstehen sich auf solche
Lebenslagen. Darum die Frage an Euch Männer: Kann ich ihr
trauen?


Betrunken bekümmert


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"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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