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Schweizer Polarnächte oder: grosse Karambolage auf der A1
«Was meinst Du, kommt die Sonne heute durch?» beginnt eine
typische Fröscher Konversation zwischen November und Februar.
Denn in Frösch haben wir unsere eigene Version von Polarnächten:
Tage-, nein wochenlang hängt der Neben in den Tälern, man geht in
einer dichten Suppe und es wird niemals richtig Tag.
Schweizer Polarnächte existieren auch anderswo in der Schweiz. Auf
der A1 gen Solothurn gab’s gestern wegen des Nebels die grösste
Massenkarambolage seit Schweizergedenken, 60 Autos beschädigt,
ein Toter, viele Verletzte. Eine Strecke die wir nicht selten fahren, der
Tiger und ich.
Dieses Wochenende waren wir aber nicht auf der A1. Nein, wir waren auf dem
Königinnenberg. Dort scheint die Sonne und wärmt einen, derweil man schadenfreudig
hinunter aufs Nebelmeer blickt.
Gestern aber hat das Gewicht des Nebels mich voll niedergedrückt.
Ich legte mich ins Bett und polsterte mein vegetatives Nervensystem:
Ich döste und las. Romane. Zeitungen kommen mir an solchen
Tagen nur morgens in die Hände.
Es ist wohltuend, Romane zu lesen. Der Zufall wollte es, dass ich
zweimal über das Massaker von Smyrna las. Die Türken ermordeten
1922 in der Griechenstadt in Kleinasien Tausende von Türkischen
Griechen und brannten die ganze Stadt nieder. «Wohltuend?! Ein
Massaker?!» ruft meine imaginäre Leserin Ulrike, wie immer schnell
empört. Naja. Ich las «Middlesex» von Jeffrey Eugenides, einen im
Grunde komischen Roman. Die Kriegsgreuel dienen dem
Amerikaner als filmreifer Hintergrund für die Romanze die sich unter
zwei Flüchtlingen abspielt. Und ich lag halt so schön und gemütlich im Bett.
Der Blick auf die trübe Suppe vor dem Fenster ist düster genug. Was will man
da lange über die Unmenschlichkeit eines 80 Jahre alten Massakers
nachenken?
Das zweite Smyrna ist in Eric Ambler’s «A Coffin for Dimitrios». Ein
Relikt aus meiner Krimisammlung vom Sommer. Ein englischer
Krimiautor sucht darin Spuren von Dimitrios, einem Kriminellen, der
in Smyrna einen Mann ermordete und während der Kriegswirren vor
den Türken floh. Der Autor ist ein bisschen naiv und merkt eine Weile
nicht, dass er mit seinen Recherchen in die Hände von finsteren
Mächten arbeitet, die ihn ahnungslos zum Figur in einem Spiel
machen, dem er selber nicht gewachsen ist.
Das erinnert mich ein bisschen ans Büro. Es gibt bei uns Leute, die
den Eindruck zu vermitteln wissen, sie seien diese finsteren Mächte.
Aber lassen wir das. Heute habe ich schliesslich frei, die Sonne
scheint, und ich steige hinunter nach Frösch zum einkaufen.
Schon in einem Monat ist St. Nikolaus. Dann gibt’s Feigen aus Izmir,
seit Jahrhunderten eine Hochburg des türkischen Feigenexports.
Früher hiess die Stadt Smyrna.
fröhlich
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