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Mein schwuler Kumpel ist Vater geworden
Manchmal ist ein Tagbeuch dazu da, dass man einfach innehält und sich hinschaut, ob der Strudel des Alltags einen an irgendwelchen Wendepunkten vorbeigeschwemmt hat. Und siehe da: Ich bin an drei monumentalen Brocken vorbei geschwommen, fast ohne es zu merken.
1) Da war eine Karte von Andreaszwei: Er ist Vater eines Söhnchens geworden. A2 ist jahrelang so etwas mein schwuler Kumpel gewesen, mein bester Freund. Nur, dass er nicht schwul ist. Er hat seine Lisa, und die hat ihm jetzt nach 10 Jahren Dauer-Beziehungskrise doch noch ein Kind abgetrotzt. Die Wege des Herrn sind sonderbar. Dass A2 und ich trotzdem noch Seelenverwandte sind, beweist der Name seines Bübchens: Basil.
Nicht, dass ich den Namen mag. In den letzten Tagen habe ich mir lediglich ein paarmal überlegt, ob man einem Schweizer Kind den Namen eines Ostheiligen geben könnte: Wassilij zum Beispiel, oder Larissa oder Dimitrij. Obwohl ich noch selten so weit davon entfernt war, schwanger werden zu wollen. Nein, man gibt einem Schweizer Kind keinen Ostnamen, entschied ich. Schon gar nicht Wassilij, auch wenn ich den Namen hinreissend finde (viel schöner als Basil). Aber ich habe einmal einen ziemlich stümperhaften Mafioso namens Wassilij gekannt, deshalb kommt Wassilij nicht in Frage. Woher ich einen stümperhaften Mafioso namens Wassilij kenne? Das ist eine andere Geschichte... (Heute gibt’s keine Links, ich bin unterwegs. Aber Neugierigen empfehle ich zur Einführung meine Russland-Serie vom Frühling 2002). Item: Basil ist ja einfach die deutsche Version von Wassilij. Irgend etwas wie Telepathie muss da also im Spiel gewesen sein. Trotzdem: Für mich stellt sich jetzt die Frage, ob meine Sauf- und Schwatznächte mit A2 weiterhin stattfinden werden. A2 hat zwar noch im Sommer geschworen, dass dass der Fall sein wird. Aber das glaube ich erst, wenn es so weit ist.
2) Die Malocherei im Büro hat erste Früchte getragen: Alle waren begeistert von meinem Porträt über einen 80jährigen Politiker. Nun ja, es war formvollendet bis zur Manieriertheit, ich geb’s zu. Da hat einfach niemand gemerkt, dass ein paar wichtige Informationen fehlten. Aber lassen wir das: Am nächsten Tag kam Kollege Willy Knorr mit einem Anliegen bei mir vorbei. Willy ist zwar offiziell im Wartejob für die Pensionierung. Aber er zieht immer noch ein paar wichtige Fäden. Zum Beispiel die Weihnachtsaktion. Für die soll ich jetzt arbeiten, ein Prestigeprojekt des Fröscher Tagblatts. Ich war gerührt und geschmeichelt. Aus meinen freien Tagen nächste Woche wird jetzt aber wieder nichts. Meine virtuelle Leserin Ulrike fragt jetzt wieder: "Warum machst Du das eigentlich?!" Aber das kann ich nicht heute beantworten.
3) Ich lese „Krieg und Frieden“ von Lev Tolstoj. 1050 Seiten der erste Band, Insel Taschenbuch, dünndruck. Ich bin auf Seite 60 und mache weiter. Schliesslich wollte ich das Werkt lesen, seit ich im Sommer 98 Tolstojs Anwesen in Russland sah. Nach Seite 100 kriegt ihr eine erste Zwischenbilanz. Diese Drohung werde ich wahrmachen.
finster entschlossen
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