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Meine Nichte macht eilige Drei Könige. Mein Neffe wird Präsident von Amerika
24. Dezember: Mir obliegt es, am Heiligen Abend die Frogg’sche Weihnachtskrippe einzurichten. Das ist so, seit ich mich erinnern kann. Keine einfache Sache! Denn jedes Jahr soll alles mit rechten Dingen zugehen: Maria und Josef müssen über das Jesuskind zum Publikum hin blicken. Der betende Hirte muss, genau so wie Ochs und Esel, neben der Krippe Platz haben. Und gleichzeitig müsste alles jedes Jahr ein bisschen anders aussehen. Gerade darin liegt aber die Schwierigkeit: Die Krippenfiguren sind aus Gips machen die gefühlsdusseligsten Verrenkungen. Dreht oder verstellt man zum Beispiel die Muttergottes auch nur um ein paar Grad, so schmachtet sie nicht mehr richtig zur Krippe hin – und das kann’s ja auch nicht sein. Immer wieder bin ich stolz darauf gewesen, den kreativen Spielraum dieser Situation optimal ausgenützt zu haben. Erst dieses Jahr habe ich mir eingestanden, dass ich mir vielleicht all die Jahre etwas vorgemacht habe.
Nur für die Drei Könige habe ich mir dieses Jahr etwas Besonderes einfallen lassen: Sie warten zwar, wie immer, am linken Bühnenrand. Aber heuer habe ich sie zwischen die Zweige eines Tannastes gestellt – als Zeichen dafür, dass sie noch im fernen Wald einher gehen. Zur Krippe werden sie traditionsgemäss erst am 6. Januar treten.
Mutter und Vater Frogg und der Tiger haben unterdessen den Tannenbaum geschmückt und die Geschenke angeschleppt. Dann kommen Bruder Andreas und Schwägerin Andrea mit der Nichte Marie Christiane.
Wenig später: Die Schwägerin erzählt mir gerade: «Heutzutage wissen ja Kinder gar nicht mehr, wieso überhaupt Weihnachten ist. Wenn man sie fragt, sagen sie: ‚Wegen der Päckli‘.» Um das zu vermeiden, habe sie für ihre Tochter eine Kinderbibel...» genau an jener Stelle drehe ich mich zufällig um und sehe Andreas mit seiner Tochter bei der Krippe stehen. Imeldchen nimmt gerade die Drei Könige aus dem Tannenreis und stellt sie – platsch – neben dem Hirten vor die Krippe. Am 24. Dezember! Natürlich sagt niemand etwas – wer will riskiert schon das Gelärm einer Zweienhalbjährigen wegen ein paar Königen!
25. Dezember: Auf dem Schreibtisch von Tigers Vater steht die Fotografie eines Buben. Aus dem künstlichen Lächeln auf dem Gesicht des Kindes schliesse ich, dass das Tigers Neffe Henry ist. Henry’s Vater ist vor ein paar Jahren nach Amerika ausgewandert und lebt mit seiner Familie in upstate New York. «Der Bub sieht aus wie ein Pole!» schimpft die Tigermutter und schaut aus, als wolle sie dabei auf den Boden spucken. Sie mag ihre Schwiegertochter nicht, eine Amerikanerin polnischer Abstammung. Die Frau kann ihr bei der Erziehung ihres einzigen Grosskindes gar nichts recht machen. Ein bisschen verstehe ich die Tigermutter. Es ist nicht einfach, sein einziges Enkelkind in einer völlig fremden Welt aufwachsen zu sehen. «Wieso sieht er wie ein Pole aus?» frage ich. «Weil er so Schlitzaugen hat», sagt sie. «Unsinn!» sage ich. «das hat er nur, weil er versucht zu lächeln wie der Amerikanische Präsident!»
26. Dezember: Grossmutter Walholz will ihre Sachen loswerden, bevor sie stirbt. Mir hat sie einen in Gold gefassten Perlenring geschenkt. Einen sehr schönen Ring. «Weil Du meine Lieblingsenkelin bist! Obwohl Du eine Ecke abhast!»
Später: Der Tiger macht gelegentlich Businesspläne in seiner neuen Firma. «Soll ich Dir einen Businessplan für ein Kind machen?» fragt er. «Okay!» grinse ich. Dann fällt mir ein, dass wir letztes Jahr nach Weihnachten genau am selben Punkt waren: Wir überlegten, ob wir uns nicht doch ein Kind leisten könnten. Deshalb frage ich: «Bis wann machst Du das?» Da wird er sofort wieder gereizt und schimpft: «Ich mache ihn, wenn ich ihn mache!»
27. Dezember: Ich lese einen Bericht über das Glück im «Tages-Anzeiger-Magazin». Alain de Botton sagt: «Spätestens mit 40 hat dann jeder die dunklen Wahrheiten entdeckt, verstanden, dass die meisten Beziehungen sehr, sehr kompliziert sind. Deshalb fangen alte Leute an zu gärtnern. Davor denkt niemand, wie schön die Blumen sind. Weil man glaubt, die Welt erobern zu müssen. Sobald du aber kapiert hast, dass das nicht hinhaut, widmest du dich den Beeten.»
Da fällt mir ein, dass meine Amaryllis wieder auszutreiben begonnen hat.
melancholisch
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