|
Lesetipps für Grippekranke. Mit Rating
Die folgenden Bücher habe ich alle gelesen, als ich krank war. Das Sternchen-Rating gewissermassen als Dank für alle gut gemeinten Ratschläge von gestern, insbesondere jenen von Grille und frivol. Am «Blutigen Thai»-Curry arbeite ich. Aber ich kann noch nicht versprechen, dass ich den Eintrag schaffe.
Rating:
**** ausgezeichnet für Grippepatienten
*** durchaus lesenswert
** Lektüre bringt nicht viel
* Finger weg!
Krieg und Frieden von Lev Tolstoj.
5 der letzten 20 Seiten. Die anderen 15 habe ich mir geschenkt. Sie drehen sich eh nur um Tolstojs Gesellschaftsphilosophie. Zu anstrengend. **
Desirée von Annemarie Selinko.
«Das Buch lese ich immer, wenn ich krank bin!» hat meine Freundin Helga einmal begeistert gerufen. Sie ist immerhin promovierte Literaturwissenschaftlerin. Ich selber habe es als Teenager mindestens zweimal durchgewälzt. Da ich gerade einen Napoleon-Fimmel hatte, habe ich es kurz vor Krankheitsausbruch meiner Mutter ausgeliehen. Die wiederum hat es von ihrer Taufpatin. «Weihnachten 1959, dem lieben Trudi, von Gotti», steht handgeschrieben auf dem Titelblatt.
Das Buch ist so zerlesen, dass diesmal der Leinenrücken definitiv abfiel. Es erzählt die Geschichte von Eugenie Desirée Bernadotte Clary. Sie war zunächst Verlobte von Napoleon. Später heiratete sie den General Jean-Baptiste Bernadotte und wurde 1812 Königin von Schweden. Die Lektüre rief uns sonderbare Erinnerungen wach. Zum Beispiel auf Seite 10, wo die junge Eugenie 1794 den Guillotinenplatz der Revolutionäre in Marseille beschreibt: «Der ganze Rathausplatz riecht nach gestocktem Blut und Sägespänen.» Wie ich als 14-jährige nicht recht wusste, was gestocktes Blut ist. Oder wie jemand den ersten Roman der 19jährigen Philemon Frogg las und sagte: «Du schreibst zu oft Sätze wie oder .» Das hatte ich bei der Selinko abgekupfert. Erstklassiger Weiberschmöker aus den 50er Jahren. ****
Vernon God Little von DBC Pierre, erschienen 2003. Seit einigen Jahren schenkt mein Bruder mir immer einen amerikanischen Roman zu Weihnachten. Das ist er, erschienen 2003! Vernon lebt in einem Kaff namens Martirio an der Mexikanischen Grenze in Texas. Er muss zusehen wie sein bester Freund eines dieser typisch amerikanischen Massaker an seiner Schule veranstaltet, gerät selber unter Mordverdacht und landet in der Todeszelle. Urkomisch und ein totaler Aufsteller! ****
Die Überfahrt von Joseph O’Connor (Sinead’s Bruder, glaube ich, ich hab’s auf Englisch gelesen, da heisst es «Star of the Sea»).
Habe ich selber gekauft, weil der «Tages-Anzeiger» das Buch für brillant hielt. Es ist entsetzlich! Spielt auf einem irischen Emigrantenschiff während der Hungersnot 1848. Der Autor hat keinen Aufwand gescheut, dem Leser das Entsetzen einer Hungerkatastrophe nachvollziehbar zu machen. Es wimmelt von Leichen. Zwischendurch schaut die Grippepatientin dann in den Spiegel und studiert ihre eigene Blässe und die Ringe unter ihren Augen. Jetzt weiss ich, wieso sehr alte, einsame und kranke Leute nur noch Klatschblätter lesen! Ich hörte in der Mitte auf und wendete mich leichterer Lektüre zu. *
Pompeii von Robert Harris.
Ein englischer Thriller ebenfalls 2003 erschienen, von meiner Schäwgerin zu Weihnachten gekriegt. Gut, war ich krank. Sonst hätte nie Zeit gehabt, all diese Weihnachtsgeschenke zu lesen! Der Untergang Pompeiis im Jahre 79 aus der Sicht eines römischen Aqädukte-Ingenieurs. Mit einer blauäugigen Schönen und nur zwei Überlebenden. ***
Fox Evil von Minette Walters, erschienen 2002.
Ein Krimi um Inzest, englische Aristokraten im 21. Jahrhundert und Landfahrer. Früher war Walters eine meiner Lieblings-Krimiautorinnen. Ihr Plots finde ich immer noch gut. In Fox-Evil unterscheidet sie mir zu klar zwischen gut und böse. Das mag ich bei Büchern nicht, auch wenn ihre Auffassung von gut und böse eine durchaus sozialdemokratische ist. **
Nach so vielen Büchern war ich froh, wieder arbeiten gehen zu dürfen! Jetzt lese ich seit zwei Wochen an «The Lovely Bones» von Alice Sebold rum und bin erst auf Seite 51. Obwohl das Buch durchaus Drei-Sterne-Potenzial hat!
Grippe fast besiegt, yeah!
|