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Freak-Heirat im Provinzstädtchen
«Gehörst Du auch zu denen, die den Namen meiner Freundinnen mit Bleistift in die Agenda eintragen?» fragt François. Wir schlagen uns am Buffet gerade den Bauch mit Olivenpaste-Brötchen voll. Dann sagt er: «Nun, Du kannst Lisa wieder ausradieren. Es ist vorbei.» Merke: Wir bewegen uns in einer Welt, in der elektronische Agenden nichts verloren haben.
Wir sind an einem jener Feste, an denen einem fremder Leute Kinder ihre Erkältungen auf den Ärmel sabbern.
Einem jener Feste, an denen garantiert spätestens nach dem dritten Glas Rotwein der Satz fällt: «Weisst Du noch, wie wir damals in Kopenhagen...» Oder: «Wie hiess noch jene Band, bei der Piisli Alphorn spielte, wo wir uns am Konzert kennengelernt haben, weisst Du, in der Turnhalle von Rüti...»
Es ist das Hochzeitsfest von Giorgio und Rita. Sie haben vor vier Jahren am 29. Februar geheiratet. Wegen ihrer Tochter Laura. «Wegen der Sicherheit, und falls etwas passiert», erklärt Rita. Und auch, wieso sie die Hochzeit so lange geheim gehalten haben. «Ach, ich fand heiraten einfach so peinlich!» Giorgio ist eben jener Typ, den ich damals, vor 23 Jahren in der Turnhalle von Rüti kennenlernte. Ich war begeistert von seinen Konga-Trommeln, er von meiner Freundin Brige. Seither sind wir Kumpels.
Es ist eines jener Feste, an denen Konrad sicher auch da ist. Mit seiner Partnerin Bea und Tochter Hanna. Zum Glück. Weil der Tiger an diesen Festen immer verdächtig was anderes los hat. Dann sitze ich einen Moment lang da und weiss gar nicht, wieso man mich überhaupt eingeladen hat: Ich bin in keinen Kinderhüteplan eingeteilt und die Männer sind alle vergeben. Nur Konrad und Stefan finden mich noch wahnsinnig spannend. Nur Sylvie hat auch keinen abgekriegt.
Diese Feste finden rituell zweimal im Jahr statt:
Im Frühling: schwedisch essen. «Es ist Fastenzeit, da muss man was leichtes essen, Fisch oder so», sagt dann François. Das ist ein Witz, den ihr versteht, wenn ihr mal unser Smörgasboa gegessen habt.
Im Herbst: römisch essen, nach den Rezepten von Apicius. Da ist man schon beim Start besoffen vom Mulsum dieser betörenden Mischung aus Weisswein und Honig. Und Laura und Hanna sehen immer wahnsinnig süss aus in ihren Togas und fangen um zehn Uhr an zu heulen, weil sie so müde sind. Dann werden sie mitsamt Toga ins Bett gesteckt.
Und zwischendurch feiert man, was noch so anfällt. Hochzeiten... runde Geburtstage...
Zum Abschied will mir Stefans sechsjähriger Sohn Aurel einen Kuss geben. Meine Erkältung auf so ein süsses Bubengesicht küssen... das hat mir fast das Herz gebrochen.
Ich liebe diese Feste. Ich liebe meine Freunde. Weil sie nie vergessen, mich einzuladen, obwohl ich dem Kreislauf des Lebens so offensichtlich die Stirn geboten habe.
schwelg
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