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Agnes, eine Dame voll chinesischer Weisheit
Ich habe ja schon von fast allen meinen Nachbarn erzählt. Ausser von Agnes. Dabei ist sie das eigentliche Phänomen in unserem Haus. Von Berufes wegen ist sie ja Kleider-Verkäuferin. Aber weil sie schon 55 ist und ihre Füsse vom vielen Stehen mehr als einmal operiert, kann sie nur noch 60 Prozent arbeiten. Also muss sie ihren mickrigen Lohn irgendwie aufbessern.
So wurde sie Feng-Shui -Beraterin. Das findet der Tiger wahnsinnig interessant. Wenn sie von den Energieflüssen in einem Haus erzählt, kann er stundenlang zuhören.
Und als ich letzten Sommer über mein Ohr klagte, sagte sie: «Komm doch mal zu mir. Dann machen wir Reiki. Das entspannt so schön. Und nachher musst Du ja nur noch die Treppe hoch und Dich hinlegen. Das tut Dir sicher gut!»
Neulich traf ich sie gegen Abend im Treppenhaus. Sie war in Eile, in ihre Wohnung zu kommen. Ich schloss daraus, dass sie noch Kundschaft erwartete. «Na, was wird’s heute abend? Feng Shui oder Reiki?» fragte ich. «Damit läuft’s nicht so gut im Moment», sagte sie, «aber astrologische Beratungen... davon mache ich ganz viel!»
Da musste ich lachen. «Unsere Agnes!» dachte ich, «Eine Frau mit vielen Talenten!»
Kürzlich entschloss ich mich dann zu ein paar Stunden Reiki bei Agnes. Keine Ahnung, was Reiki genau ist. Irgend etwas aus dem Osten mit Energien, die fliessen oder so. Nicht, dass ich besonders viel davon erwarte. Aber es würde mir sicher nicht schaden, und dem Portmonee meiner Nachbarin auch nicht.
«Reiki?! Das lernt eine Hausfrau in zwei Halbtagen!» schimpfte zwar Stef, ein Kumpel von Andreaszwei. Ich traf ihn kurz nach der ersten Stunde Reiki, als ich A2 beim Zügeln half. Na gut, Stef hat eine Shiatsu-Praxis mit zwei Angestellten. All diese Reiki-Hausfrauen machen ihm wahrscheinlich den Markt kaputt und erreichen mit ihren so Heilkünsten auch nicht viel weniger als er.
Ich verteidigte Agnes heftig: «Immerhin hat sie es fertiggebracht, dass ich nach der ersten Stunde in meine Wohnung gegangen bin und nachher geschlagene zehn Stunden geschlafen habe wie eine Raupe im Kokon.» Ich wachte damals auch ziemlich beflügelt auf. Leider hielt’s nicht allzu lange hin.
Beim nächsten Mal sagte Agnes dann: «Eigentlich solltest Du nächste Woche gleich dreimal hintereinander kommen.» Sie zückte irgend ein vergilbtes Büchlein, um mir das zu belegen. Ich mäkelte. So eine Reiki-Stunde kostet 90 Franken. Und mehr als 200 Franken im Monat ist mir nachbarschaftliche Solidarität eigentlich nicht wert. Aber dann gab ich doch nach.
Heute war die letzte meiner drei Stunden. «Geniess das Kranksein!» rief der Tiger mir beim Gehen noch nach, «Nachher ist dann endlich fertig damit! Schliesslich fahren wir morgen ins Tessin!»
Ich rotzte also Agnes wieder mal mit meinem Schnupfen den improvisierten Schragen in ihrem Mini-Wohnzimmer voll. Von einer CD sangen orientalische Mönche vielstimmig wie Schafe auf der Weide «OMMMM» «OMMMMM» «OMMM». Aus diesen Gesängen stiegen meine Gedanken wie Wellen am Strand, sanken wieder hinein und ich wusste vorübergehend, wieso die im Osten alles Irdische als Illusion betrachten.
Am Schluss sass ich auf dem Schragen und wir redeten. «Mir sind immer zwei Bachblüten eingefallen, als ich so an Deinem Rücken war», sagte Agnes, «soll ich Dir die bereitmachen?»
Bei mir schrillten sämtliche Alarmglocken. «Was, Bachblüten machst Du auch noch?!» staunte ich. Und fragte dann: «Wie viel kostet mich das?» fragte ich.
«Aber nicht doch! Die schenke ich Dir zu Ostern!» lachte Agnes.
Nächstes Mal erzähle ich Euch dann, wie Agnes den Tiger dazu brachte, unser Schlafzimmer nach Feng Shui-Prinzipien einzurichten.
energiegeladen
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