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Rosi will heiraten und beantwortet sechs Kontaktanzeigen
Eines Tages wusste meine Freundin Rosi: Sie wollte Bäuerin werden. Und sie wollte einen Bauern heiraten. «Dann habe ich einen totalen Mist gemacht», sagt Rosi und kugelt vor Lachen fast vom Stuhl, wie es ihre Art ist. «Ich habe sechs Kontaktanzeigen aufs Mal beantwortet!»
Als Bauernfrau in spe war Rosi plötzlich ein begehrter Artikel auf dem Heiratsmarkt. Es ist ja sattsam bekannt, dass Bauern heutzutage keine Frau mehr finden. Für Rosi war die Situation aber doch etwas ungewohnt. Denn eine Schönheit ist sie nie gewesen, immer war sie burschikos, mit viel zu grossen Zähnen und Flaschenböden vor den Augen. Und zu jenem Zeitpunkt auch schon Mitte 30.
Wir kennen uns, seit sie zehn und ich neun war. Wir waren Mittelstands-Vorstadtgören, gingen zusammen ins Schwimmbad, liebten Meerschweinchen und Puzzles mit 2000 Teilchen. Sie wurde Fussballfan und Sekretärin, dann Kassiererin bei Coop, dann Übersetzerin, dann machte sie Führungen in einem historischen Museum. Da mobbten sie sie raus. Dann begann sie auf einem Bio-Bauernhof im Emmental zu arbeiten. Und dann wollte sie Bäuerin werden.
Wir sehen uns so alle paar Jahre. Ich freue mich immer auf sie. Sie scheint ein neuer Mensch zu sein jedes Mal, und doch immer Rosi, die sich kugelt vor Lachen. Neulich machten wir zusammen einen Spaziergang um den Göttersee. Sie ist dünn wie ein Zwanzigjähriger und jede ihrer Bewegungen sagt laut und deutlich: «Ich bin tüchtig und kann zupacken!» Ich gebe mir Mühe, mitzuhalten.
Mal reisst sie ein Stück Grünzeug vom Wegrand, kleckert sich orangen Saft vom Stengel auf den Finger und sagt: «Schöllkraut! Das ist gut gegen Warzen!» Mal gehen wir an einem Feld vorbei, und sie ruft aus: «Überdüngt! Hier fehlt der Rossklee. Die rosaroten Blüten vom Rossklee trinke ich jetzt jeden Tag im Tee, das ist gut für die Fruchtbarkeit.» Eben hat sie mir erzählt, dass sie jetzt übt für ein Kind mit Thomi, dem Bauern, den sie schliesslich geheiratet hat. «Aber weisst Du, ich bin ja jetzt bald vierzig, ich weiss nicht, ob das noch was wird.»
Dann sitzen wir in einem Café, und sie erzählt mir von jenen sechs Inseraten von Bauern auf Frauensuche, die sie damals beantwortete. Alle sechs hätten sich gemeldet. Der erste sei zu jung gewesen, den zweiten habe sie nicht gemocht. «Der drohte gleich mit Selbstmord, als ich ihm absagte. Der dritte war mir recht sympathisch, als ich ihn in der Beiz traf. Beim zweiten Treffen ging ich zu ihm nach Hause, um zu sehen, wie das dort aussah. Als ich da zur Tür hereinkam, kam es mir so vor, als stürzten die Hauswände über mir zusammen. Seine Mutter war auch noch da. Da wusste ich: Das wird nichts. Der hat mir dann Telefonterror gemacht. Jeden Abend angerufen und auch mit Selbstmord gedroht und so. Zum Glück wohnte ich damals noch in der WG. Die Kumpels waren auch noch da und die haben ihn dann mit der Zeit abgewimmelt, weisst Du, sich immer gemeldet mit «Füürweer Häberli, was wünschet Diiiir!?» und so. «Da habe ich dem vierten abgesagt, einfach weil ich dachte: Nein, das kann ich nicht! Der fünfte war Thomi. Wir verabredeten uns um sechs in einer Beiz in Trubschachen. Nach Mitternacht schmissen sie uns aus der Beiz , weil sie schliessen wollten.» Von da an war alles klar. Der sechste habe später noch einen Brief geschrieben: er habe nun doch eine andere gefunden. «Das war wirklich ein herziger Brief, voller Schreibfehler!» Nein, der wäre nicht für Rosi gewesen.
An ihrer Hochzeit mit Thomi war ich damals, ein Fest in einem Westernsaloon ein Stück hinter Frösch. Rosis Eltern machten tapfer gute Miene und auch der Tiger und die Frogg fühlten sich etwas fehl am Platz. Thomi hatte schon einen Hof in Pacht. Aber dann wurde der Vertrag gekündigt, und jetzt suchen die beiden einen neuen Hof. «Aber weisst Du», sagt Rosi, «es ist schon ein Glück, jemanden zu haben, der einen immer zu verstehen versucht.»
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