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Wie mein schwuler Kollege Herbert mich mit Brad Pitt versöhnt
Ich mag Brad Pitt nicht. Auf Fotos sieht er aus wie ein mit ausgeprägter Dummheit geschlagener, aber durchaus stosswütiger Muni*. Ausserdem hat er eines dieser Hollywood-Schauspieler-Mündchen, die alle aussehen wie gut geölte Rosetten. Da muss ich immer an irgendwelchen Schweinekram denken, und das interessiert mich nicht.
Leider liebt meine Freundin Helga Brad Pitt. Sie ist ausserdem eine grosse Kennerin der griechischen Mythologie. So musste ich mit ihr ins Kino, mir «Troy» ansehen gehen.
Die erste Hälfte des Films ist ziemlich langweilig. Eine Schlachterei nach der anderen. In der zweiten Hälfte entfaltet sich dann doch noch eine gewisse homerische Tragik – der König, der nie, aber auch partout nicht auf seine eigenen Söhne hört und diese mit seinen Fehlentscheidungen dann prompt ins Verderben stürzt. Das hat schon was. Und die Musik, eine durch Mark und Bein gehende, balkanische Frauenklage, ist auch ganz ordentlich.
Brad Pitt gefiel mir auch als Achill nicht. Überhaupt gefiel mir dieser Achill nicht. Einer, der Frauen mies behandelt und dann doch von einer Frau geläutert wird. Ohne ersichtlichen Grund. Blödsinn. Nun hat Achill ja diesen Cousin Patrokles, den er liebt. Helga kichert: «Da sieht man wieder mal, die Amerikaner. Bei Homer heisst’s: Patrokles war der Wagenlenker von Achilles. Das bedeutet, dass er sein Gefährte in einer homosexuellen Beziehung war.»
Am Schluss hatten wir zwei Hobby-Altphilologinnen dann doch noch ein paar Wissenslücken. So griff ich zu Christa Wolfs «Kassandra», einer genau 20 Jahre alten Erzählung. (Homer werde ich in diesem Leben frühestens nach meiner Pensionierung in Angriff nehmen). Damals war «Kassandra» ein Bestseller, DAS Schlüsselwerk der Frauenbewegung in der 80er Jahren. Heute wirkt dieses Frauenpathos ziemlich öde. Immerhin: «Achill, das Vieh», nennt Kassandra, die berühmte trojanische Seherin (die im Film schnöde ausgelassen wird) den Kerl die ganze Zeit. Womit er im Film wenigstens nicht so schlecht besetzt war. Kassandra nennt ihn so, weil sie gesehen hat, dass er beim Töten Lust empfindet. Vor allem beim Töten junger Männer.
Irgendwer erzählt Kassandra dann, dass Achilles eigentlich auf Männer steht. Dass er nur deswegen ständig Frauen schlecht behandelt und sich benimmt wie ein Vieh. Weil er meint, ständig beweisen zu müssen, dass er wie die anderen ist. Als ich jung war, glaubte ich ja derlei Theorien. Lange Zeit habe ich dann diesen Feministinnenkram verworfen. «Normale Männer sind doch selbstbewusst genug, ihre Männlichkeit nicht ständig unter Beweis stellen zu müssen», dachte ich immer. Aber in letzter Zeit denke ich wieder mehr über derlei Theorien nach.
Zum Beispiel meines schwulen Kollegen Herberts wegen. Der Mann ist baumlang, etwas kränklich, aber ziemlich zäh. Er stammt aus einer Weltgegend, in der man sich gerne an den mächtigen Urahnen mit Sandalen, Bart und Armbrust erinnert und hat selber Ellenbogen wie Hellebarden. Sein Freund soll ein exzellenter Koch sein. Herbert ist ein granitharter Neoliberaler. Mich nennt er immer hämisch: «Die Frau, die gerne Steuern zahlt!» Neulich diskutierten wir darüber, ob der Staat berufstätigen Koksern ihren Stoff abgeben soll, damit sie ihren Job nicht verlieren. «Der Staat muss sich doch überlegen, was am Schluss teuerer kommt», sagte ich, «wenn die Leute integriert bleiben, oder wenn sie nachher der Stadt durchfüttern muss, damit sie nicht auf der Strasse verhungern.» Herbert: «Mit solchen Leuten hat der Staat gar nichts zu tun. Sollen sich die Familien solcher Leute um sie kümmern!» Die Idee fand ich so dumm, dass ich zu streiten aufhörte.
«Wieso ist der nur so?» fragte ich mich dann.
Vielleicht hatte die Wolf doch Recht.
Jetzt werden mir natürlich welche unterstellen, ich hätte etwas gegen Schwule. Aber da muss ich ergänzen: Seit ich meinen neuen Job habe, habe ich eine Menge Männer kennen gelernt, die die ganze Zeit so ein Potenzgehabe drauf haben. Gestandene Familienväter, die diese Glitzern in den Augen kriegen, wenn sie einen vollen Busen sehen.
Oder gehört das auch einfach zum Spiel? Und: Heisst das, das wir uns als Frauen letztlich nicht doch wohler fühlen können? Oder doch nicht?
*schweizerdeutsches Wort für Stier
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