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Die Beatles und die Rolling Stones sind an allem Schuld
«Sag mir eins: Warum lieben wir England?» so fragte mich anno 1994 mein Geliebter, Michelangelo. Eine Frage, auf die ich auch Euch allmählich eine Antwort schulde. Scheint mir jedenfalls, wenn ich meinen letzten Eintrag nochmals lese.
Gute Frage. Warum liebt man ein Land, in dem es von Fussball-Hooligans und kotzenden Lagerlouts wimmelt?
Michelangelo hatte zwar einen ganz anderen Anlass für seine Frage. Wie ich hatte er der englischen Sprache und Literatur sieben Jahre seines Lebens gewidmet. Beide hatten wir Anglistik studiert. Ein sinnloses Unterfangen, wie uns beiden kurz danach, 1994, schien. Er sass gerade im langweiligsten aller Verwaltungsjobs fest. Sein Studium schien ihn zu nichts anderem befähigt zu haben. Ich war mehr oder weniger arbeitslos. Mit einer zweifelhaften Perspektive im Lokaljournalismus.
Ich sagte: «Du weisst es doch! Es war die Musik! Die Rolling Stones. Die Beatles, The Clash, die Sex Pistols!» «Ja, stimmt», sagte Michelangelo. Als ob er es nicht selber gewusst hätte! Michelangelo liebte nichts und niemanden so sehr wie die Musik. The Clash. Und den Blues, der die Rolling Stones hervorbrachte.
Auch Philemon Frogg hatte die Musik geliebt. Vor allem als Teenager. Ihren ersten Beatles-Film, «Help».
sah sie mit 13, anno 1978. Für ihre vorstädtische Teenager-Seele hatten die 13 Jahre seit der Entstehung des Streifens der Band nichts von ihrem Boygroup-Appeal gestohlen. Sie war berauscht von dem Film. Als sie dann mit 20 Jahren, zum ersten Mal in ihrem Leben, englische Reihenhäuser sah, trostlose Altbauten, direkt an der Bahnlinie, war sie wieder berauscht. Und wusste nicht, warum.
Kommt noch dazu: Bei Philemon Frogg reicht die Anziehungskraft von England tief in die Kindheit zurück. Als sie zweieinhalb war, besuchte ihr Vater in Brighton einen Sprachkurs. Ihr brachte er einen leuchtend roten, doppelstöckigen Londoner Spielzeugbus mit. Der Bus wurde unverzüglich Philemon Froggs Lieblingsspielzeug. Sie liess auch nicht von ihm ab, als er kaputt ging und ständig den zweiten Stock verlor.
Vater Frogg brachte damals auch Schallplatten mit nach Hause. Solche, auf denen eine Männerstimme jedes Wort betonend sagt: «Hello Margaret. How do you do?» Und eine Frauenstimme: «Hello John. How do you do?»
Englisch sei eine Weltsprache sagte Vater Frogg. Englisch müsse man können. Deshalb müsse sie die Platten ab und zu hören. Das war lange vor Philemon Frogg’s Pubertät. Damals glaubte sie Vater Frogg noch jedes Wort.
Als die Pubertät kam und sie alles völlig daneben fand, was Vater Frogg sagte, hatte sie die Sache mit den Englisch-Lektionen auf den Schallplatten längst vergessen. Wahrscheinlich hatte sie aber ihre Wirkung auf ihr Unbewusstes nicht verfehlt.
So einfach ist es.
Manche Freundinnen Philemons liebten England noch aus einem anderen Grund: Sie waren feministische Tee-Romantikerinnen. In ihren Wohnzimmern hingen Posters von Virginia Woolf.

Sie tranken unter diesen Bildern duftenden Tee und fühlten sich dabei in eine edle Vormoderne zurück versetzt. Aber darauf ist Philemon Frogg nie hereingefallen. Sie wusste um verkalkte Teekessel und die Twinings-Teebeutel, die in jedem Englischen Bed & Breakfast herumstehenn. Wirklich: Englische Teezeremonien kann Philemon Frogg nur mit einer gewissen Ironie zelebrieren.
Und die Romane von Virginia Woolf hat sie alle wenigstens zu lesen versucht. Und fand sie, ehrlich gesagt, ein bisschen verkünstelt. Ausser «To the Lighthouse», natürlich, die Fahrt zum Leuchtturm. Über den hat sie ihre Diplomarbeit geschrieben.
Auf Teeromantik wäre übrigens auch Michelangelo nie hereingefallen. Obwohl er nur einmal in England gewesen ist. Er habe auf einer Bank gearbeitet, was er überhaupt nicht gemocht habe. Wahrscheinlich zwangen sie ihn dort, eine Krawatte zu tragen. Jedenfalls ist er später nie mehr auf der Insel gewesen.
Was aus ihm geworden ist? Ich glaube, er ist jetzt auch Journalist.
Und ich? Ja. Ich fahre noch nach England. Ich mag es, wenn die Realität den Rausch einholt. Oder umgekehrt.
stocknüchtern
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