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Philemons grosse Liebe hat angerufen
Etwa jeden dritten Sonntag abend ruft English an. Einstein English. Er ist 43, lebt seit Jahren in einer deutschen Grossstadt, hat einen hoch bezahlten Ingenieurjob, reist
die ganze Zeit, spricht aber nur Englisch.
Zuerst prüft Philemon, wie betrunken English klingt. Wenn er
schwerzüngig ist und anzügliche Bemerkungen macht, richtet sie alles auf ein
möglichst kurzes Gespräch ein. In letzter Zeit klingt er meist nüchtern, was
nicht unbedingt heisst, dass er es auch ist. English erzählt von seinen
Aktienkäufen (natürlich auf Englisch): «Momentan kaufe ich mit allem Geld,
das ich erübrigen kann. In etwa einem Jahr werden die Aktien steigen, Du
wirst sehen!» sagt er. Die Schweiz kennt English gut, weil er viele Pharma-
Aktien kauft. Dann erzählen die beiden einander die neuesten George-Bush-
Witze. Für eine Weile kommt er auf seine kranke, über 80jährige Mutter zu
sprechen. Philemon erzählt von ihren Ohren. Dann erwähnt die zwei Frauen in
seiner Stadt, mit denen er Ausstellungen besucht und ins Kino geht.
Mit ihnen besucht er auch Parties, wo er angeblich die ganze Nacht abtanzt.
Aber davon versucht Philemon wenn möglich das Gespräch abzulenken. Erstens,
weil sie nicht versteht, dass ihr Freund sich ewig wie ein Teenager benehmen
will. Sie zieht mittlerweile gemütliche Gesprächsrunden einer lärmigen Party
vor. Zweitens, weil sie weiss, wie er tanzt. Und drittens, weil er ihr Leid
tut, wenn er mit seinen romantischen Schwärmereien für minderjährige Mädchen
anfängt.
Sie hält nur zu ihm, weil er fast der letzte ist, mit dem sie Englisch, ihre
liebste Sprache, reden kann. Und weil sie glaubt, dass man Freunde, die
einem einmal geholfen haben, nicht im Stich lässt. Er hält nur zu ihr, weil
er sonst nicht genügend Freunde hat.
Aber einst, einst war das alles so ganz anders. Einst war English Philemons
grosse Liebe. Das war in London, im Frühsommmer 1986. Man denke sich den
Soundtrack dazu mit Musik von den Dire Straits, The Clash, The Police und
frühen Scheiben von U2.
ausgeglichen
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