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Eine Liste der unentbehrlichen Geräusche
Noch hört Philemon sehr viel – eigentlich fast alles ausser jenen Dingen,
die man ihr ausgerechnet ins linke Ohr flüstert. Aber seit einiger Zeit ist
ihr hören keine Selbstverständlichkeit mehr. Deshalb hat sie eine Liste mit
jenen Geräuschen begonnen, die sie noch lange hören möchte. Hier ein Auszug:
1) Ihre Abwaschmaschine. Mutter Frogg bekam ihre erste Abwaschmaschine, als
die Tochter Philemon ein Teenager war. Das Gerät war, zusammen mit dem
Einfamilienhaus, ein Zeichen gewachsenen Wohlstands. Mutter Frogg liess die
Maschine damals nachts laufen, weil dann der Strom billig war. Meist
rumpelte und spritzte das Gerät, wenn Philemon von ihren frühen Ausgängen in
die Beiz, in die Disco oder ins Kino nach Hause kam. Hörte sie beim
Hereinkommen aus der Küche das heisse Wasser in der Maschine pulsieren, so
gelang es ihr augenblicklich, etwas zu glauben, worüber sie sich sonst nie
ganz sicher war: «Ich bin zu Hause, und es geht uns gut.» Seit bald einem
Jahr hat Philemon selber eine Wohnung mit Abwaschmaschine. Diese läuft, wenn
sie voll ist. Und ihre Botschaft ist immer noch dieselbe.
2) Die Stimmen ihrer Kollegen am Konferenztelefon. Wenn sie arbeitet, leitet
Philemon einmal am Tag ein Konferenztelefon. Dort gibt es zwar klare Regeln,
wer wann redet: Jetzt der widerwillige Kontrabass mit Bart aus O.; als
nächstes muss leider das Knorpelmännchen aus Q seine Stimme erheben, die an
Philemons Rücken herunterquietscht wie Kreide an einer Wandtafel; weiter der
Bergsportler aus N., stets frisch wie eine ganze Seniorenwandertruppe
zusammen, dann der Chef aus M., an dessen Stimme Philemon die Marke seines
Rasierwassers erriechen könnte, wenn sie darin gut wäre. Aber es gibt
unreglementierte Zwischenrufe und Witzchen. Und wenn Philemon die nicht mehr
ihren Sprechern zuordnen könnte, würde ihr nun wirklich der Spass an der
Arbeit verloren gehen.
3) Musik. Nun ja, jeder stellt sich vor, dass es das Schlimmste wäre, keine
Musik mehr hören zu können, wenn er taub würde. Philemon würde aber nicht in
erster Linie das Beethoven-Hörerlebnis im gediegenen Konzertsaal vermissen.
Sondern das unerwartete Quäntchen Euphorie, das ein guter Strassenmusiker in
der Bahnhofunterführung verbreitet. Diesen oder jenen Soundfetzen aus einem
der Quäkradios im Grossraumbüro. Oder die Musik, die an der Fasnacht aus den
Gassen der Stadt hochdringt. Tja, Philemon ist eben kein Gourmet, sondern
Sammlerin und Jägerin.
Gibt es auch akustischen Schrott, auf den Philemon mühelos verzichten
könnte? Früher hätte sie dazu selbstverständlich ja gesagt. Aber heute
zögert sie mit der Antwort. Noch ist es dafür zu früh.
xxx
fröhlich
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