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Wars Bochum? Wars Moskau?
«Nimm einen Fotoapparat mit, wenn Du in das Ruhrgebiet gehst. Die Gegend ist
so hässlich, Du wirst es bereuen, wenn Du keinen hast!» rief der Tiger
seiner Liebsten Philemon am Donnerstag frühmorgens noch nach. Dann sank er
wieder ins Kissen und schlief noch ein Stündchen, derweil die Fröschin
Richtung Bochum enthüpfte. Dort sah sie nicht viel mehr als die zwischen
frisches Grün geklotzten Gebäude der Uni, und die fand sie nicht besonders
hässlich. Sie fühlte sich bei deren Anblick sogar vage an Moskau erinnert.
Und endlich doch noch über Moskau, über Russland zu schreiben, das konnte
sie während der drei Tage in Bochum kaum erwarten.
Nach Moskau flog Philemon mit ihrem alten Kumpel Franz. Franz ist studierter
Philosoph und Bibliothekar, spricht ausgezeichnet russisch, ist ein guter
Bratschist und ziemlich belesen. Ansonsten verbringe er sein Leben damit, es
an sich vorbeiziehen zu lassen, klagte er damals selber gerne und meinte
wohl nicht zuletzt seine Unerfahrenheit in Liebesdingen im Alter von bald
vierzig Jahren. Philemon schätzt Franz, weil er ein liebesnwürdiger
Gesprächspartner ist. Um mehr über das Leben zu erfahren, hat er sich eine
Art sokratische Methode zugelegt. Er kann die lebensklugsten Fragen über
Dinge stellen, von denen er selber gar nichts versteht. In erotischer
Hinsicht aber hatte sich zwischen den beiden gar nie etwas getan. Damit es
auch so bleibe, nahm Franz seine Schwester Mafalda auf die Reise mit.
Schon beim Landeanflug auf den Flughafen Sheremetevo entstanden in der noch
kaum im Bau sich befindenden Kollegialität zwischen den dreien erste Risse.
In einer vorderen Reihe sass das Geschwisterpaar nebeneinander, dahinter
blickte Philemon allein aus dem Fenster. Unter sich sah sie die Vororte von
Moskau. Sie bestehen aus gigantischen, nach ausgeklügelten Symmetrien
hingeklotzten Wohntürmen. Zwischen einigen gab es nichts als Strassen und
gelbliche Wiesen. Zwischen andere waren Bäume gestreut. Wieder andere
reihten sich mächtig an die formlosen Gewässer der Stadt, die an jenem Tag
hyazinthblau leuchteten (oder spielt der Fröschin hier die Erinnerung einen
Streich? Sieht sie einfach hyazinthblau, weil sie nun in Bochum drei Tage
lang Videofilme in den wildesten Farbtönen gesehen hat?). Wie dem auch sei:
Philemon war begeistert, sperrte Augen, Ohren und Nasenlöcher auf und rief
dem Geschwisterpaar auf dem Vordersitz zu: «Sehen diese Wohntürme nicht toll
aus?!»
Mafalda, ihres Zeichens Sozialarbeiterin, drehte sich um und antwortete:
«Aber wie schrecklich, dort zu wohnen! Kein Wunder werden hier so viele
Leute kriminell und drogensüchtig!» Philemon, nicht selten selber
Sozialkämpferin, musste der Ästhetin in sich den Mund zuhalten, um sie von
einer gehässigen Antwort abzuhalten. «Eff geht um mehr alf Äfffthetik!»
zischte die Ästhetin ein wütendes, aber stummes Beiseite in die Hand vor
ihrem Mund. «Eff geht darum, etwaf Neueff unvoreingenommen anfehen zu
können!»
Der Mafaldabruder Franz bezog einstweilen noch keine Stellung. Philemon
glaubte aber, dass sein vages Nicken mehr der Aussage seiner Schwester
gegolten hatte.
«Ich werde russische Freunde brauchen!» dachte sie.
Was sonst noch los war? Ach ja, Erfurt. Was für eine traurige Tat!
Und: Derweil Philemon weg war, ist ihre Zeitung verkauft worden. Oder
jedenfalls fast die Hälfte der Aktien dieser Zeitung. Von einem der drei
grossen Medienunternehmen der Schweiz zum zweiten der drei. Bin gespannt,
was dabei rauskommt.
ausgeglichen
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