|
Als die Freunde an der Sonne Sauerrahm assen
Wenn Philemon sich an russische Wörter zu erinnern versucht, fallen ihr vor
allem die Namen kulinarischer Köstlichkeiten ein. Zum Beispiel:
«Olivier»: Am ersten Abend in xxxowsk führten die Gastgeber Philemon und
ihre Reisegefährten zu einem reich gedeckten Tisch. Ein Ein Gericht darauf
kannte sie so gut, dass sie sofort hell auflachen musste: In der Schweiz war
dasselbe Gericht früher in Büchsen erhältlich gewesen und hatte russischer
Salat geheissen. Es hatte sich um klein gewürfelte Gemüsereste in einer
Konservierlösung gehandelt. Hier war es in kleine Würfel geschnittener
Schinken, Resten von Blini und Gemüse an einer Mayonnaisesauce. In Russland
heisst russischer Salat selbstverständlich nicht russischer Salat. Das wäre
genau gleich, wie wenn Englische Swiss Rolls in der Schweiz Schweizer Rollen
heissen würden. Undenkbar. Deshalb nennt man Swiss Rolls in der Schweiz
Rouladen. Doch zurück zum russischen Salat. «Ein französischer Koch namens
Olivier hat das Gericht erfunden», erläuterte die Übersetzerin Larissa. «Er
arbeitete vor hundert Jahren bei einer reichen russischen Familie und musste
eines Tages ein interessantes Gericht für unerwartete Gäste aus dem Ärmel
schütteln, hatte aber nichts Gescheites im Haus. Da nahm er alle Reste, die
gerade da waren, schnitt sie in kleine Würfel und gab eine Sauce dazu.
Deshalb heisst das Gericht Olivier.»
«Smetana»: Ein Wort, das Philemon sich nur des gleichnamigen Komponisten
wegen merken konnte (wobei der Name des Komponisten meines Wissens auf der
ersten Silbe betont wird, dieses Wort hier aber auf der zweiten). Es heisst
Sauerrahm. Smetana gab es bei einem Käser in der Nähe von xxxowsk. Philemon
und ihre Gefährten assen das Zeug, das sauer und sahnig schmeckte wie kein
anderer Sauerrahm der Welt auf einer Kinderschaukel hinter der Käserei. An
der Sonne. Der Käser hatte sein Handwerk in der Schweiz gelernt und ein
kleines Startkapital für eine Tilsiter-Käserei in Russland bekommen.
Tilsiter machte er aber keinen, denn Tilsiter ist Halbhartkäse. «Und
Halbhartkäse müssten wir zu lange lagern. Wenn man nie weiss, wie sich die
Wirtschaft entwickelt, lohnt sich das nicht», erklärte der Käser. Er machte
deshalb nur Sauerrahm und Frischkäse. Tilsiterkäse ist im übrigen das
russisch-schweizerische Gemeinschaftsprodukt par excellence: Schweizer Käser
wanderten noch im 19. Jahrhundert nach Tilsit aus, was laut dtv-Lexikon bei
Kaliningrad liegt. Dort erfanden sie den Tilsiter Käse. 1945 kamen dann all
diese Käser in die Schweiz zurück und machten ihr Produkt zu Schweizer Käse,
den es nun überall unter diesem Namen zu kaufen gibt.
«Kotlet»: Als Philemon russisch lesen lernte (ihr Computer kann das leider
nicht, sonst würde sie stolz das Wort hierhin schreiben), übte sie auch auf
den Speisekarten, die vor den Autobahnraststätten an der Wand hingen. Die
bestanden aus grossen Fotos unappetitlicher Gerichte, die mit
Kunststofffolien überdeckt sind. Sie sehen genau so aus wie die
schmuddeligen Tafeln auf Autobahnraststätten in Europa. Auf einem dieser
Schmuddelfotos sah sie einen braunen Fleischklumpen und entzifferte das Wort
Kotlet. «Schau, hier gibts Koteletts!» rief sie ihren Freunden zu.
Gastgeber Peter lachte sie aus: «Das sind keine echten Koteletten sondern
Frikadellen. Russen kaufen kein Fleisch mit Knochen. Da müssten sie nur für
etwas bezahlen, was sie nachher nicht essen können.».
unzufrieden
|