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Peter besticht einen Ordnungshüter
Mit Peter konnte man stundenlang durch die russischen Wälder fahren, ohne
dass er je aufgehört hätte, munter Geschichten sprudeln zu lassen. Er
redete, als hätte er ewig auf die Besucher aus der Heimat gewartet, nur um
ihnen seine unglaublichen Abenteuer zu erzählen.
Schon den Anblick einer simplen Sicherheitslinie konnte ihn zu einem
Anekdötchen inspirieren: Ein Polizist der nahen Kreisstadt erwischte ihn
beim Überfahren einer doppelten Sicherheitslinie. Der Ordnungshüter hatte
zwar einen Schelmenhumor, den Peter fröhlich nachahmte. Dafür wollte er
Peter aber auch unbedingt vor Gericht schleppen. Der jedoch hatte keine Zeit
für derartiges. Also gab er dem Polizisten nach einigem Hin und Her 100
Rubel, worauf dieser die ganze Sache selbstverständlich sofort vergass.
Peter hatte Verständnis. «Von irgend etwas müssen die Polizisten ja leben,
wenn der Staat schon ihre Löhne nie zahlt.»
Zwei, drei Geschichten später unterbrach er sich plötzlich selber und wies
auf ein paar Baracken in einer Waldlichtung. «Hier hat ein schweizerisches
Hilfswerk eine Million in den Sand gesetzt!» rief er aus, eine weitere
Geschichtentrophäe, die er stolz den Zuhörern präsentierte. «Das sind
Baracken für Flüchtlinge aus Tadschikistan. Aber es gibt hier weit und breit
nichts, weder Arbeit, noch Läden, noch sonstwas. Deshalb gingen die
Flüchtlinge lieber nach Moskau. Mittlerweile hat die Moskauer Mafia die
Baracken billig gekauft und daraus Ferienhäuschen gemacht.»
Peter hätte als Helfer in Russland keine Million in den Sand gesetzt. Er
stammt aus einem Kaff im helvetischen Mittelland und ist Schreinermeister.
Ihn selber hatte eine Schweizer Stiftung in die russische Kleinstadt
geschickt, damit er dort eine Schreinerei zu restrukturiere. Von einem Kaff
zum nächsten versetzt, fühlte er sich schnell zu Hause. Er lernte innert
Wochen russisch und fand mühelos Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Dann
restrukturierte er – auf ganz unhelvetische Art – die Schreinerei: Statt
Leute zu entlassen, straffte er die Arbeitsabläufe, verbesserte das Preis-
Leistungs-Verhältnis und so auch die Auftragslage. Bald zahlte er mehr
Leuten höhere Löhne. Sein Auftrag war damit beendet, und er hätte eigentlich
nach Hause kommen können.
Aber Peter kam nicht nach Hause. Statt dessen startete er unzählige
Hilfsprojektchen: Er holte hier ein Strassenkind vom Bahnhof, verteilte dort
ein paar Lebensmittelpakete und gründete ein kleines Tourismusunternehmen
mit einem hehren Ziel: Er wollte die Begegnung zwischen Schweizern und
Russen fördern. So führte er Helvetier durch die Gegend, die ein bisschen
russisch konnten und ein Interesse für Land und Leute an den Tag zu legen
gewillt waren. Zu seinem Team gehörten ein Chauffeur, eine Köchin, eine
Übersetzerin und zwei Administratoren. Die Versuchsanlage war ökonomisch
ziemlich gelungen: Die Russen verdienten nicht schlecht, und doch war die
Reise für die Gäste aus der Schweiz immer noch ziemlich preiswert. Wichtige
Bedingung: Die Schweizer Gäste und die russischen Gastgeber nahmen ihre
Mahlzeiten immer gemeinsam ein. Am Ende der Woche mussten die Gäste selber
eine Mahlzeit kochen. Davon könnte Philemon auch noch ein stolzes
Geschichtchen erzählen...
Aber erst dies: Sicherheitslinien überfahren finde ich an sich ja nichts
nachahmenswertes. Eben habe ich mit Vaters Auto einen kleinen Abstecher in
eine frisch abgeerntete Heuwiese gemacht, weil irgend so ein Wahsinniger
seine eigene Spur nicht von der entgegenkommenden unterscheiden konnte.
Deshalb der «fassunglos» Button unten. Mir zittern immer noch die Knie.
Und: Meine Leserzahlen sind rekordverdächtig. Aber ich erhalte (abgesehen
von wenigen, erfreulichen Ausnahmen) keine Rückmeldungen. Also: Mensch, wer
seid ihr alle?! Und: was wollt Ihr: Mehr Russland? Oder mehr von Philemons
Alltag?
fassungslos
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