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Hier wird über Anthroposophen gelästert
Als Philemon in Moskau aus dem Flugzeug stieg, wusste sie bereits: Sie würde
russische Freunde brauchen. Die Beziehung zu Franz und seiner Schwester
Mafalda hatte sich schon auf dem Flug als nicht ganz einfach erwiesen. Dass
sie sich mit der Übersetzerin Olga gut verstehen würde, hatte sie allerdings
nicht erwartet.
«Olga, das klingt wie ein Name aus einem Konsalik-Roman», dachte Philemon,
als die beiden einander vorgestellt wurden. («15 Jahr im Gulag, sie war
immer noch bildschön und hatte kein Gramm Fett angesetzt. Horst liebte seine
Olga wie an jenem ersten Tag, damals auf dem roten Platz.») Aber wie
unpassend für die gescheite, etwas biedere Mittvierzigerin mit den schönen
Augen und den müden Taschen darunter! Als Schweizerin hätte sie eine
perfekte christdemokratische Politikerin hergemacht, effizient aber nicht
rabiat, eine mit wenig Verständnis für linke Ideen und andere Flausen. Auch
als Russin war sie einst eine Stütze des Systems gewesen, Tochter
kommunistischer Eltern, Unidozentin und – das machte den Gästen besonderen
Eindruck – eine Frau Oberst der sowjetischen Armee. Heute bestreiten sie und
ihr Mann mit Mühe und Not ihren Lebensunterhalt und bemühen sich um das
Gemüse auf ihrer Datscha.
So viel wusste Philemon, als das Grüppchen am dritten Tag einen Ausflug
machte. Man besuchte Leute, die Franz auf einer früheren Russlandreise
kennen gelernt hatte. Anthroposophen, die in den russischen Weiten einen
biodynamischen Bauernhof führten. Philemon kannte genügend Steiner-Jünger,
um schon vor ihrer Ankunft dort übellaunig zu sein. Die Anthropophen, alle
aus Deutschland, lebten zu acht oder zehnt im Bauernhaus mit den
schmutzigsten Böden, die Philemon je gesehen hatte. Eine der Frauen hatte
ein Baby.
Ausgerechnet Philemon und Olga setzte man neben den weisshaarigen Guru des
Grüppchens. Der machte den beiden Frauen sofort klar, worum es bei dem
hehren, von ihm erdachten Projekt ging: um nichts geringeres als die Rettung
der Welt vor dem drohenden Verderben. «Die russischen Bauern machen alles
falsch!» liess er verlauten. Zum Beispiel liessen sie eine alte Rinderrasse
von hoher geistiger Bedeutung aussterben (hier folgte ein verbaler Höhenflug
mit Steiner- und Goethezitaten). Wäre einmal das letzte dieser edlen Tiere
tot, so werde es auch bald mit der Welt zu Ende gehen, argumentierte er (ich
übertreibe nur ein ganz klein wenig). Deshalb züchteten sie diese Rinder nun
nach. Biodynamisch. Und melkten sie.
Zweimal die Woche karrte sein Trupp die Milch 100 Kilometer nach Moskau,
weil kaum jemand in ihrer ländlichen Gegend sie kaufte. Dumme russische
Bauern eben. Der Herr Anthroposoph konnte sich wohl gar nicht vorstellen,
dass es Leute gibt, die es sich nicht leisten können, ihre Seele mit
biodynamischer Milch zu retten. Sein Gerede war nicht einfach zu goutieren,
wenn man zuvor einer Weile Peters Geschichten von hungernden russischen
Bauernfamilien zugehört hatte. Aber Philemon kriegte beim besten Willen kein
Wort dazwischen. Und Olga lauschte allem, was aus dem Westen kam, mit
höflichem Respekt. Erst als sich die Blicke der beiden Frauen sich trafen
und Philemon die Augen verdrehte, wurde auch Olgas Miene skeptisch.
Dann bestanden die Anthroposophen darauf, den Freunden ihre Felder zu
zeigen. Auf dem Weg nach draussen sagte die Übersetzerin leise zu Philemon:
«Wie kann man in einem so schmutzigen Haus leben – und das mit einem
Kleinkind!» Da war Philemon ganz sicher, dass sie Olga mochte.
Demnächst mehr.
Und sonst? Frogg Hall ist weitgehend ameisenfrei. Der Tiger ist an einem
Herrenabend. Dem Grübeln über den leidigen Zwischenfall im Kirschblütental
hat der Fahrlehrer gestern mit einer einzigen Bemerkung ein Ende gesetzt:
«Besser einmal zu oft ins Heufeld als einmal zu wenig oft!» Die Welt ist in
Ordnung und Philemon sehr, sehr müde.
fröhlich
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