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Frau Oberst entdeckt ein Hanffeld
Die Szene: Philemon und ihre Schweizer Freunde (Franz und Mafalda) stehen
irgendwo draussen in der russischen Pampa – genauer:auf dem Bauernhof einer
Kommune von anthroposophischen Weltverbesserern aus Deutschland. Man
besichtigt die Felder. Mit von der Partie ist die Russisch-Übersetzerin
Olga. Eben hat Philemon erste freundschaftliche Gefühle für die Offizierin
a. D. entwickelt. Und eine kräftige Abneigung gegen die Bio-Fanatiker.
Philemon kann sich nur noch an ein Gewächs auf den Äckern der Anthros
erinnern: «Schau mal, ein Hanffeld!» sagte sie angesichts einiger saftig
grüner Stauden zu Franz. Die beiden Anthros waren gerade ein wenig
zurückgeblieben und hörten noch nichts. Franz, dem Cello spielenden
Unschuldsengel, musste man erst einmal den Verwendungszweck von Hanf
erläutern. Da begriff auch Olga. Entrüstung breitete sich auf ihrem Gesicht
aus. Sie war offensichtlich überzeugt, dass diese deutschen Verbrecher
Russlands blühende Jugendliche zu elenden Gestalten machen wollten und
schien zu allem bereit. Eilig begann Philemon, ihr den Unterschied zwischen
weichen und harten Drogen zu erklären. Zumal die Grösse des Feldes darauf
hindeutete, dass das Gras hauptsächlich dem Eigengebrauch dienen sollte
(wenn auch einem beachtlichen – aber irgendwie mussten die Kerle ja die
Realität von sich fernhalten). Olga stutzte, blieb aber genau so skeptisch
wie Mutter Frogg, als die Tochter ihr zwanzig Jahre zuvor dasselbe zu
erklären versucht hatte.
Als die beiden Biodynamiker aufschlossen, stellte die Offizierin sie dann
doch energisch zur Rede. Das war den Anthros furchtbar peinlich. Ebenso
unangenehm war es Franz, der die Biodynamiker von früher kannte. Nur
Philemon lachte sich ins Fäustchen. Die Anthros redeten sich dann irgendwie
hinaus, und irgendwann liess Frau Oberst die Sache auf sich beruhen.
Philemon bewunderte sie danach ihrer Zivilcourage wegen auch ein bisschen.
Und die Russin nahm der angebliche Journalistin aus dem Westen nun definitiv
ab, dass sie etwas über das Leben wusste.
Auf dem Rückweg nach xxxowsk im Auto lästerte Philemon dann noch: «Ich fand
das voll daneben, wie diese Anthros schlecht über die Russen redeten!» Da
war die Freundschaft zwischen Olga und Philemon besiegelt. Fortan teilten
die beiden Frauen Philemons Zigaretten und ihr Anti-Brumm, und Olga rief
schon am nächsten Tag aus: «Ich kann euch westliche Frauen nicht verstehen!
Warum habt ihr keine Kinder?! Man muss doch Kinder haben! Das Leben muss
doch weiter gehen!» Philemon konnte die Frage nicht schlüssig beantworten.
Das Argument, dass allein erziehen (damals gab es noch keinen Tiger in
Philemons Leben) im Westen ein Armutsrisiko ist, zog bei überhaupt nicht. In
Russland sind allein erziehende Mütter nämlich eh die Norm. Und eher selten
reich.
«Ein Glück, dass sie das zu Dir und nicht zu mir gesagt hat», meinte Mafalda
später in einer ruhigen Minute. Mafalda nämlich war auch schon an die
vierzig und hatte ihre fruchtbarsten Jahre in einer lesbischen Liebschaft
verbracht. Der Frau Oberst das zu enthüllen, wäre vielleicht doch etwas zu
delikat gewesen.
fröhlich
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