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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 05.06.2002, 23:01 Uhr


Das Joghurt des Doktor Caligari

Der Tiger ist kein Mann, der zu übertriebenen Zärtlichkeiten neigt. Deshalb
ist Philemon manchmal nicht ganz sicher, ob er, ihr Freund, sie noch liebt.
Wenn sie wieder mal darüber sinniert und zu keinem Schluss kommt, macht sie
den Kühlschrank auf. Stehen dort noch ein paar Gläser Joghurt Marke
Caligari, so ist die Welt in Ordnung. «Joghurt Marke Caligari? Was ist den
das?!» höre ich Euch fragen.

Nun, als Philemon und der Tiger Frogg Hall bezogen, verfügten sie plötzlich
über ungeheuer viele Küchenschränke. Selbst als alle Kisten ausgepackt
waren, blieb noch ein Schrank leer. Das heisst, da war noch eine Kiste. Sie
gehörte dem Tiger, und nach einigem Zögern packte er auch diese letzte Box
aus. Sie enthielt lauter Dinge, die aussahen wie die Instrumente eines vor
hundert Jahren verstorbenen, leicht perversen Gynäkologen: Grapefruit-Messer
mit wackligen Griffen, Saucièren, einen Plattenwärmer, Karaffen aus
geritztem Glas, Einmachgläser und ein Passevite (sorry Leute, ich kenne den
deutschen Namen für das Ding nicht. Man macht damit Kartoffelpuffer, und
stammt aus der Zeit, als deutschschweizer Hausfrauen noch französisch
konnten). Und, eben, eine Joghurtmaschine.

«Du wirst das Zeug nie mehr gebrauchen! In den Estrich damit!» gebot die
Philemon, damals Küchen-Hauptverantwortliche. Doch der Tiger protestierte.
Darauf Philemon: «Okay, dann stell alles in den letzten leeren Schrank dort
hinten. Den werden wir fortan das Kabinett des Doktor Caligari nennen und
nie mehr aufmachen.» Der Tiger tat im ersten Punkt wie geheissen. Aber sein
Caligari-Kabinett liess ihm keine Ruhe. Immer wieder öffnete er die Tür des
Kastens, wog dies und das in den Händen und nahm eines Tages auch die
Joghurtmaschine heraus. «Was meinst Du, kann man damit auch griechisches
Joghurt machen?» fragte er. «Versuchs doch mal», meinte Philemon,
desinteressiert.

Doch der Tiger tat es. Schon bald ass Philemon hausgemachtes griechisches
Joghurt in ihrem Frühstücks-Müesli. Oder jedenfalls etwas, was so ähnlich
und nicht übel schmeckte. Bald wurde die tägliche Portion Caligari-Joghurt
unentbehrlich. Zumal der Tiger alle anderen Milchprodukte zur Müesli-
Ergänzung dezidiert von neuen Wohnung fernhielt. Im letzten Herbst trat
Philemon eine zweiwöchige Reise allein an. Einen Tag vor der Abreise sagte
sie zum Tiger: «Du, es hat kein Caligari-Joghurt mehr.» Darauf der Tiger:
«Macht nichts, die mache ich ja sowieso nur für Dich.» Wahrscheinlich war er
froh, zwei Wochen lang kein Müesli essen zu müssen. Philemon derweil
erkannte in jenem Moment, dass der Tiger sie liebte.

Oder sucht er nur einen Vorwand, seine Joghurtmaschine zu benützen?


Betrunken fröhlich


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"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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