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Philemon gesteht ein jugendliches Laster
«Ist der Ruf erst ruiniert, so lebt sich’s frei und ungeniert». Oder wie
lautet das Sprichwort schon wieder? Nun, neulich habe ich mit dem Geständnis
von Philemons Flirt mit einem BMW eine kleine Kontroverse ausgelöst, die ich
sehr genossen habe.* Heute werde ich lustvoll ein jugendliches
Laster der Redaktorin Frogg ausplaudern: Als sie 16 war, liebte
sie den Heavy Metal. Ich weiss, den BMW vermag das nicht zu schlagen, hier
aber trotzdem die Hintergründe.
Die Liebe zum Heavy Metal entstand nicht etwa einer Jugendliebe wegen, und
auch nicht mangels Alternativen. Ihr Vorstädtchen war zwar damals der
Blechmusik verhaftet. Und ihre Klassenkameraden am Gymnasium in der Stadt
entlockten ihren Pianos und Violinen Wohlklänge von Mozart und Beethoven.
Was aber beides für Philemon nicht in Frage kam. Denn was ist an Blechmusik
oder Klassik rebellisch?! Und rebellisch musste Musikgenuss für die junge
Fröschin sein! Der Punk, zwar schon in den späten siebziger Jahren entdeckt,
erreichte Stadt und Umgebung erst etwa 1984 – zu spät für Philemon. So bot
sich allenfalls der Reggae an. Aber Philemons erste Platte von Bob Marley
blieb einmal auf einer Heizung liegen, und sie hat sie aus nicht endgültig
geklärten Gründen nie ersetzt. Denn Philemons Vorliebe galt Bands wie
Rainbow, Deep Purple, so vergessene Truppen wie Blue Oyster Cult, REO
Speedwaggon und den grossen (nein, nicht Status Quo, also, das war denn doch
zu volkstümlich), sondern Steppenwolf, Ten Years After und AC/DC. Das kam
als Rebellion hin. «Luuti Hoor ond längi Musig», soll ein frustrierter,
glatzköpfiger Vater gesagt haben, als sein langhaariger Sohn zu Hause wieder
einmal die Haare zu Motörhead schüttelte. So hatte es jedenfalls die
Legende.
Zur Ausstattung gehörten Mofa und Jeansjacke. Mofa hatte sie nie eins. Ihre
erste Jeansjacke bekam sie von Kumpel Enrico geschenkt. Der besitzt heute
eine Fahrradhandlung und führt (Ironie des Schicksals) eine Lärmklage gegen
das neue Partylokal, das ihm und seiner Familie jedes Wochenende bis vier
Uhr früh mit seiner Sounderei den Schlaf raubt. Im grossen und ganzen
bestand die Heavy Metal Szene vor Ort aus Leuten, die in den
Schwerindustriebetrieben der Gegend ihre Mechanikerlehren absolvierten.
Heute sind nicht wenige von ihnen Sozialpädagogen. Philemon war als
Gymnasiastin mit langen schwarzen Haaren die Exotin in der Crew, eine Rolle,
die sie schätzte und gut spielte. Man traf sich am Samstag abend im
Gemeindeschuppen des Ortes. Dort gab es rundum nur das leere Gemeindhaus,
eine grosse Maschinenfabrik, Parkplätze und ein Pfarreiheim. Ungestört
konnte man da zu lautem Sound Luftgitarre und Luftdrums spielen (das taten
aber nur die Männer), die Haare schütteln und sich vom Stroboskop mit
Lichtpunkten übersäen lassen.
Mit den Jahren entdeckte Philemon dann doch noch anderen Sound. Mit 25
tanzte sie zum letzten Mal zu «Smoke on the Water» von Deep Purple. An einem
Uni-Fest. Sie hatte mittlwerweile eine ihre feministische Gesinnung
signalisierende Igelfrisur. Ihre männlichen Kollegen dagegen schüttelten die
Mähnen, grölten einander begeistert (und mit verhaltener Ironie) «Luuti Hoor
ond längi Musig!» im Dialekt von Philemon zu. Oder «Luti Haar u längi
Musig!» in jenem des Universitätsstandortes. «Laute Haare und lange Musik»
heisst das, liess sich der deutsche Gast aufklären, der auch nach der
Übersetzung weder die Begeisterung noch den Spruch ganz verstand. Naja,
gewisse Dinge sind eben nicht so einfach zu erklären. Philemons Begeisterung
jedenfalls war ganz und gar echt und enthielt nicht wenig Nostalgie.
*Herzlichen Dank an alle, die Beiträge geleistet haben: Jane, Dead can
Dance, frivol, Paul, Pöt und natürlich Inorbit.
gut drauf
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