|
Der Liebhaber mit der Glut in der Stimme
Immer, wenn das Wetter im Frühsommer so wechselhaft ist, muss Philemon an Manuelito denken. An Manuelito, den Poeten. Es war im Frühsommer 1998. Die Sonne brannte aufs Pflaster ihres Städtchens. Vor ein paar Wochen war Philemon verlassen worden. Der Mann, mit dem sie für immer hatte zusammen bleiben wollen, hatte sich nach nur zwei Jahren aus dem Staub gemacht. Einer bekennenden Lesbe wegen! Philemon irrte über den Flohmarkt ihres Städtchens und fühlte trotz neuem Sommerkleid selber wie Ausschussware. Aber sie nahm sich zusammen und ging sogar in die Kneipe neben den Ständen.
Dort war nur noch ein einziger Platz frei – neben einem Mann, der hektisch Schriftzeichen auf eine Papierserviette kritzelte. Ein 40jähriger Zappelphilipp mit pechschwarzem Haar, Dreitagebart und einem Kneipenhockergesicht. Als Philemon sich auf den freien Stuhl setzte, hörte er mit der Kritzelei auf und stellte sich vor: «Ich bin Manuel Marquez Müller, Dichter von Beruf.» Sein Lächeln transportierte eine Menge Selbstgefälligkeit. So, als hätte Philemon unbedingt sehr beeindruckt aussehen sollen. Dabei dachte die: «Oh nein, Ein Spinner!».
Obwohl sie ihren neuen Bekannten etwas sonderbar fand, ging sie ein paar Tage später mit mit ihm essen. Vielleicht, so dachte sie, würde aus der Sache ihr erster One-Night-Stand überhaupt.
Auf das Tischset im Restaurant kritzelte der Poet sein erstes Gedicht an sie. Ein ganz passables Gedicht. Ausser, dass Philemon es ein wenig gewöhnungsbedürftig fand, als «die Woge meiner Wellen» bezeichnet zu werden. Später gingen die beiden am See spazieren. Da entdeckte sie etwas merkwürdiges: Der Poet strahlte so viel Hitze aus, dass die Luft rund um ihn herum in der Abendsonne leise flimmerte. Er hatte eine Stimme wie
glühende Kohle. Und allmählich übertrug sich seine Hitze auf sie. Als er sie berührte, begann ihre Haut leise zu knistern, und sie konnte es kaum erwarten, mit ihm nach Hause zu gehen.
Das erste erotische Zusammentreffen der beiden machte Manuel Marquez Müller zu Manuelito, enthielt einen heftigen Streit und die himmlischsten Liebkosungen. Und es war so stürmisch, dass darob die Luftdruckverhältnisse in einem beträchtlichen Umkreis durcheinander gerieten. Am nächsten Tag jedenfalls entlud sich über der Stadt ein starkes
Hagelgewitter (wer’s nicht glaubt, kann sich bei der kantonalen Gebäudeversicherung
erkundigen, die für die Schäden an Gebäuden aufkam und diese deshalb sorgfältig erhob).
Philemon suchte vor dem Unwetter Schutz in der Bahnhofunterführung. Als sie auf die Bahnhofstrasse trat, war der Himmel grünlich und die der Gehsteig giftgrün: der Hagel hatte das Frühsommerlaub von den Bäumen gerissen und auf die Gehsteige gepflastert. Auf den
Wiesen am Stadtrand glitzerten und dampften ganze Hagelhaufen an der Frühsommersonne, die sich mitlerweile wieder zeigte. Zu Hause angekommen, traf Philemon den Hauswart, der gerade Hagelhaufen aus dem Keller schaufelte.
«Mehr davon!» dachte Philemon und wusste nicht, ob sie den Hitzezauber ihres neuen
Liebhabers oder dieses unglaubliche Wetter meinte.
Manuelito blieb daraufhin mehr als ein Jahr ihr Gefährte. Es war eine wilde Zeit. Aber sie hat mit dem Dichter viel gelernt. Zum Beispiel, wie frau Sex und Liebe auseinander hält. Oder dass Männer die besseren Hausfrauen sind.
Doch darüber ein andermal.
fröhlich
|