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Wie Helga einen Mann und Philemon den ihren zu behalten sucht
Im Garten der «Kastanienblüte» sitzen zwei Frauen. Die eine ist gross, blond
und mit einem üppigen Decolleté ausgestattet. Die andere ist klein, dunkel
und hat ein bisschen Speck auf den Hüften. «Tja», sagt die Kleine, dunkle,
«da denkt man, man hätte sich ein Nest gebaut und das Leben würde endlich in
geregelten Bahnen verlaufen. Aber nix da!» Die grosse Blonde (sie heisst
Helga) lacht: «In Ruhe alt werden? Ruhe gibt es nie, Philemon! Das ist die
conditio.» Helga meint damit die conditio humana oder, etwas
allgemeinverständlicher formuliert: das Leben.
Helga und Philemon sind Freundinnen. Sie sitzen seit zwei Stunden im Garten
der «Kastanienblüte» und arbeiten an einem Kontaktinserat. Denn Helga ist
40, arbeitet viel und sucht einen Mann. Deshalb haben die beiden die Vorzüge
von Helga gesammelt und sie in Worte zu fassen versucht. Helga ist nicht nur
humanistisch gebildet, sondern sie ist ein Prachtsweib mit einem köstlichen
Humor und hat das schönste Dekolleté der Welt. Also, wenn Philemon ein Mann
wäre...
Aber Philemon ist kein Mann. Seit ein paar Minuten ist das Inserat fertig
formuliert, und die Frauen haben das Thema gewechselt: Philemon berichtet
vom Mann, den sie hat (dem Tiger) und der ihr Sorgen macht. «Wenn ich nicht
bald eine Veränderung sehe, muss ich ausziehen», sagt Philemon. «Die meisten
Leute haben doch irgend etwas, wofür sie sich interessieren, ein Feuer, ein
Engagement, einen roten Faden im Leben. Beim Tiger kann ich einfach nichts
derartiges erkennen. Seine Jobchancen verbaut er sich aus lauter
Desinteresse.» Sie erzählt auch: Der Tiger ist ein Lebenskünstler. Am
meisten liebt er Ferien und Sex. Eine schwierige Entscheidung hat sie ihn
noch nie fällen sehen. Sie liebt ihn ja gerade deshalb: Weil ihm vieles egal
ist, und ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringt. Aber sie hat zu
wenig in Betracht gezogen, dass seine Lebenseinstellung eventuell sie
erschüttern könnte. «Mittlerweile habe ich Angst, dass ich nicht nur
irgendwann ganz für ihn aufkommen, sondern auch die schwierigen
Entscheidungen für ihn treffen muss», sagt sie. Darauf Helga: «Dann sag es
ihm, und zwar so, dass er Dich ernst nimmt.»
Das tut Philemon am nächsten Tag. Darauf hängt der Haussegen in Frogg Hall
ein paar Tage lang bedenklich schief. Man geht einander aus dem Weg. Am Ende
aber ist der Tiger wieder gut gelaunt und sagt: «Aber ich habe mich doch
entschieden! Ich habe jetzt jemanden gefunden, der mich dafür bezahlt, dass
ich ein halbes Jahr bei Nitroglyzerin arbeite!» Da muss die Frogg sich aber
erst mal setzten. Denn das ist etwa so, als würde er ihr gestehen, dass er
eine Affäre mit ihrer besten Freundin hat. Nun, vielleicht nicht ganz so
schmerzlich, aber dafür mindestens so kompliziert. Denn früher engagierte
sich auch Philemon für die künstlerisch hoch interessanten, aber nicht sehr
lukrativen Geschäfte von Nitroglyzerin, kurz Nitro. Mit ihm und seiner
Freundin Cordula verband sie, ich glaube, man darf es so nennen, eine Art
Freundschaft. Doch dann wurde das Engagement einer geschäftlichen
Auseinandersetzung zwischen Nitros Freundin Cordula und
Philemon geopfert. So jedenfalls interpretierte der Tiger die Sache. Womit
es ihm (natürlich) gelang, die Sache zu ignorieren. Obwohl er selber mit
drinhing. Seither herrscht zwischen Philemon und Cordula stets leichte
Verlegenheit, zwischen Nitro und Philemon ebenfalls.
Langsam erholt Philemon sich von ihrem Schock und wird sauer. «Will ich
überhaupt einen Mann?» fragt sie sich und denkt wütend darüber nach, was
Helga an jenem Abend in der Kneipe so ungerührt in ihr Weinglas sagte: «Tja,
auch Paare haben Probleme!»
zornig
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