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Grossmutter Walholz redet vom Sterben – lang lebe Grossmutter Walholz
In den letzten Wochen redete Grossmutter Walholz (81) erstaunlich wenig vom
Sterben. Dabei lag das Thema näher als auch schon: Schliesslich musste sie
ins Spital von M., um eine komplizierte Operation am Knie machen zu lassen.
Eigentlich redete sie so wenig vom Sterben, dass die sonst stets zu
Streitigkeiten neigenden Familien Walholz und Frogg für einmal geeint
unruhig wurden.
Denn Grossmutter Walholz prophezeit seit Jahren, dass sie nicht mehr lange
leben wird. Genau gesagt tut sie das, seit Philemon sich erinnern kann. In
diesen Jahren aber überlebte sie ihre erste Knieoperation, einen gefährlich
hohen Bluthochdruck bei 90 Kilo Lebendgewicht, ein Nierenleiden, eine
Operation am grauen und am grünen Star und ihren Mann, Bäckermeister Willy
Walholz den Zweiten. Bei jeder Krankheit hatte sie das Gespenst ihres
verfrühten Endes an die Wand gemalt, blieb aber, Gott sei Dank, ihr vitales
Selbst mitsamt ausgezeichnetem Mundwerk und einem an der Familie Frogg
hoffnungslos vergeudeten dramatischen Talent.
Als sie nun vor ihrer Operation am Telefon zur Enkelin Philemon sagte: «Ich
muss diesmal unbedingt wieder gesund werden, denn im nächsten Winter bekomme
ich eine Zentralheizung in die Wohnung, die erste Zentralheizung in meinem
Leben!», leuchtete bei Philemon mindestens ein Alarmlicht auf. Aber
mittlerweile ist die Grossmutter aus der Narkose erwacht, voll da und
begrüsst vom Spitalbett aus majestätisch ihren Schwiegersohn, Toni Frogg,
dessen Tochter Philemon und deren Liebsten, den Tiger.
Der Tiger hat es ihr angetan. Das kann Philemon nicht ganz verstehen, denn
ihr Liebster redet mit der alten Dame wie man mit nicht mehr ganz ernst zu
nehmenden alten Leutchen. Kein anderes Mitglied der Familie Frogg würde das
wagen. Vielleicht deutet die Grossmutter es als Zeichen, dass es hier jemand
mit ihr aufnehmen kann und will. Jedenfalls ist sie immer ganz fidel, wenn
der Tiger da ist. Und wenn niemand sonst zuhört, vertraut sie ihm die
Geheimnisse der Familie Frogg an. Behauptet jedenfalls der Tiger.
Das linke Bein von Grossmutter Walholz liegt auf einem Gestell, das leise
schnurrt und dabei ihr Kniegelenk stets auf- und abbewegt. So geht und geht
sie im Liegen, damit das Knie richtig heilt. Um nach dem obligaten Austausch
der Neuigkeiten kein verlegenes Schweigen aufkommen zu lassen, erzählt sie
wieder einmal von ihrer Jugend. Seit Grossvater Walholz gestorben ist, fügt
sie ihrer Autobiografie bei jedem Treffen mit Philemon ein neues
Mosaiksteinchen hinzu. Sehr zur Erbauung der Enkelin. Die mag dieses alte
Zeug, das weiss die Grossmutter, darum hat sie ihr auch schon einen Teil
ihres Sonntagsgeschirrs mitsamt Tafelsilber geschenkt. «Wenn ich nicht mehr
bin, gehört der Rest Dir», sagte sie dabei und verdammte so die Enkelin
einmal mehr zu einem verlegenen: «Na, das dauert ja hoffentlich noch eine
Weile!» Willy Walholz, ihr Ehemann und der Grossvater aller Grossväter,
hätte zu ihr gesagt: «Hör jetzt auf damit, Du blöder Stärbicheib!» (safgt
die Grossmutter selber) Aber als Enkelin kann man sowas ja nicht sagen.
Item. Grossmutter Walholz erzählt von ihrer Jugend. Keine leicht verdauliche
Sache, das. Immerhin ist sie, geboren 1920, mittlerweile Urgrossmutter, das
erste und bislang einzige Scheidungskind in den vereinigten Familien Walholz
und Frogg. Aber schwer verdauliche Sachen will ja hier niemand lesen. Also
verstaue ich die Angelegenheit in mein zweites Tagebuch und damit basta. Nur
noch so viel: Nach einer Stunde beendete die alte Dame einen Erzählstrang
einer ihrer Geschichten kurz und bündig mit: «Nun, das ist aber nett, dass
ihr mich besucht habt!» Da wussten die drei Gäste: Audienz vorbei, Zeit zu
gehen! Der Abschied war kurz aber herzlich. Lang lebe Grossmutter Walholz!
fröhlich
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