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Wird Philemon etwa schwanger?
«Warum, liebe Philemon, warum nur grübelst Du nur immer an der Vergangenheit
herum?! Andere Leute haben Kinder, schräubeln an ihrer Karriere oder bauen
ein Einfamilienhaus. Du aber denkst immer nur rückwärts. Das ist doch
ungesund!» So lautete eine Nachricht von Ulrike. «Ulrike?» fragt Ihr. Nun,
Ulrike ist meine imaginäre Leserin. Wer schreibt, habe ich in den letzten
Jahren gelernt, braucht imaginäre Leserinnen und Leser. Denn es hilft, wenn
man sich vorstellen kann, für wen man schreibt. Nach diesem Prinzip handle
ich auch bei myTagebuch, obwohl ich hier eine Menge immer wieder explizit
sich artikulierende virtuelle Leserinnen und Leser habe, die ich nicht
missen möchte.
Aber Ulrike ist ein bisschen speziell. Sie erinnert mich zu Beispiel stets
daran, dass ich für ein mehrheitlich deutsches Publikum schreibe. Ulrike
heisst nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit keine einzige Schweizerin. Die
Statistik der im vergangenen Jahr im Kanton Zürich vergebenen Taufnamen hat
es jedenfalls eindeutig ergeben: Zürcher Mädchen heissen Anna und Sarah und
Sara und Lea. Aber nicht Ulrike. Nicht ein einziges Mal Ulrike. War heute im
Tagesanzeiger zu lesen. Inwiefern Ulrike sich sonst noch von meinen anderen
Leserinnen und Lesern unterscheidet? Sie ist etwas mütterlich und immer sehr
kritisch. Unangenehm kritisch, eigentlich.
Nun, liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Ulrike, heute blicke ich in die
Zukunft von Philemon. Wird sie ein Einfamilienhaus bauen? Aber nein!
Philemon liebt das urbane Leben in Frogg Hall mit nur zehn Minuten
Gehdistanz ins Städtchen. Wobei, auf dem Land, beziehungsweise in der
Vorstadt, würde sie an einem bestimmten Ort wohnen. Nur an einem einzigen...
Aber davon ein andermal!
Wird Philemon etwa schwanger? Aber nein! Zwar hat sie eine Liste mit
Wunschnamen für eine allfällige Tochter (1. Isabella, 2. Marina, 3. Lydia,
und dazu auf jeden Fall Johanna), aber einen richtigen Kinderwunsch hatte
sie eigentlich nie. Wenn sie sich als 12jährige ihre Lebensumstände
vorstellte, sah sie sich immer zu Hause an der Schreibmaschine. Abends kam
ihr Mann nach Hause und fragte: «Na, was hast Du heute geschrieben?» Kinder
kamen da nie vor. Inzwischen ist der Traum auf ganz verkerte Weise wahr
geworden: Wenn Philemon abends von der Arbeit nach Hause kommt, blickt der
Tiger vom Patience-Spiel auf und fragt: «Na, was steht in der Zeitung von
morgen?» Aber Kinder kommen da irgendwie immer noch keine vor (jedenfalls
nicht bei ihr). Wobei... neulich sagte Philemon nach einem allein
absolvierten Nachmittagsspaziergang im Städtchen zum Tiger: «Also, weisst
Du, langsam komme ich in das Alter, wo ich mir auf der Strasse lieber die
süssen Kleinen angucke als die schönen Männer.» Das hat vielleicht auch
damit zu tun, dass der Tiger in puncto Aussehen eine Menge zu bieten hat –
mal abgesehen von einer chronischen Abneigung gegen das Haareschneiden. Und
dennoch ist unsere Heldin beunruhigt. Denn manchmal sieht sie so einen
Dreijährigen und findet ihn so herzig, dass es wehtut. Da ist definitiv
etwas nicht in Ordnung, denkt sie dann.
Aber anyway! Bastelt Philemon an ihrer Karriere? Naja... natürlich. Aber wo
die hingehen soll, das weiss Philemon nun wirklich nur sehr vage. Wer kann
sich heute noch einen Traumjob leisten? Kaum ist der Job geträumt, ist das
Unternehmen fusioniert, umstrukturiert, verschwunden, in dem er gewesen sein
könnte. Und schon ist man wieder in der Vergangenheit.
Deshalb weiss Philemon nur eins: Wenn sie mal pensioniert ist, wird sie den
Club der Gerontopoeten gründen. Da werden dann die Alten in Philemons
Pensionärswohnung sitzen, Wein oder Schnäpschen trinken und Texte schreiben
mit nostalgischen Titeln wie «Sex im letzten Jahrhundert» oder «wie ich den
sozialen Abstieg unserer Generation umging» oder «Warum sind meine Kinder
derart überbesorgte Eltern?!» oder «Als es auf dem Julihügel erst zehn
Einfamilienhäuser gab» oder «Was würde ich tun, wenn meine Hüftarthrose weg
wäre».
Philemon selber wird im Rahmen dieses Projekts weiter an ihrer Autobiografie
arbeiten. Ein Kapitel wird heissen: «Mann weg, Job weg, fünf Kilo weg». Und
– hier erlaube ich mir einen letzten Blick in Philemons Zukunft – den wirst
Du, liebe Ulrike, werdet ihr alle, bereits in den nächsten Tagen auf dieser
Seite lesen.
ausgeglichen
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