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Wir schreiben das Jahr 1942
Es ist Winter, und fast überall in Europa herrscht Krieg. In der Schweiz
herrscht Treibstoffknappheit. Sehr zum Ärger von Bäckermeister Eugen Walholz
dem Ersten. Wegen der Benzinrationierung kann der Urgrossvater von Philemon
Frogg seinen Opel Kapitän nicht ausfahren. Das kränkt nicht nur den Stolz des
ersten Autobesitzers im Dorf Büenzliswil am Jurasüdfüss. Es erschwert auch
seine Arbeit. Denn noch sind Bäcker auch Hauslieferanten: Wenn das Brot aus
dem Ofen kommt, dann füllt der Meister den Wagen oder den Lehrling den
Veloanhänger, und los gehts, hinaus zu den Bauernhäusern, Brote, Weggen und
am Samstag Sonntagszöpfe ausliefern. Auf die Cher gehen, heisst das. Auf die
Cher fährt Eugen nur noch mit dem Auto. Schliesslich sollen die Leute sehen,
dass Handwerk goldenen Boden hat.
Eugen findet denn auch eine Lösung für sein Treibstoffproblem: Weil der
Bäcker sein Fahrzeug für die Arbeit braucht, erlauben ihm die Behörden, es
auf einen Holzkohlemotor umzurüsten. Darüber freut sich auch seine zweite
Gattin, Ida Walholz-Angler, die 20 Jahre jünger ist als ihr Ehemann und
deshalb ihre Stiefurenkelin Philemon noch viele Jahre kennt. Ihr zeigt die
rüstige Witwe bei einem Besuch das Walholz’sche Fotoalbum und darin das Bild
des umgebauten Opels im Schnee, neben dem sie stolz posiert. «Das war auf
einem Sonntagsausflug ins Seeland. Damals war Krieg. Ja, er liebte das
Autofahren, der Willy.»
Auch sein Sohn, Eugen der Zweite, ebenfalls Bäckermeister, liebte das
Autofahren. Ihn verschlug es während des Krieges in das grossflächiges
Innerschweizer Dorf, wo er zusammen mit seiner Frau eine Bäckerei führte.
Enkelin Philemon begleitete ihn dort als Kind so manches Mal auf die Cher im
roten Opel Rekord. Sie erinnert sich an die riesigen Brote, die er aus- und
einlud: zwei glänzende Kilobrote für die von Rotzin mit den fünf Kindern und
zwei Knechten am Rain, anderthalb davon für die Abächerli Vrene am Lehn,
dazu zwei Zöpfe und eine Tüte voller Birewegge. Wenn der Bäcker kommt,
kommen die Bauersfrauen an den Gartenhag für ein Schwätzchen. Manchmal muss
der Grossvater der Vrene beim Hineintragen helfen. Das Kind bleibt dann im
Auto, und wenn es zu lange warten muss, fragt es sich, was wohl der Bäcker
bei der Abächerli Vrene so lange macht.
Aber Eugen liebte nicht nur die Cher, er liebte auch die Kurven und das
Tempo. Sonntags unternimmt er Passfahrten mit Grossmutter Walholz. Dann geht
es über den Grimsel oder den Susten oder den Col des Mosses und wieder heim
in die Innerschweiz, und zwar stets unfallfrei aber in rassiger Fahrt. Noch
1993, als 78jähriger, erhielt er per Post eine Tempobusse. Am selben Tag
klagte er abends über Unwohlsein, zog sich ins Schlafzimmer zurück, fiel
dort geräuschvoll um und war schon tot, als Grossmutter Walholz herbeieilte.
An der Tempubusse kann es nicht gelegen haben. Sie war eine von
vielen.
Sein Sohn, Eugen der Dritte, erkannte die Zeichen der Zeit und wurde
Kaufmann statt Handwerker. Sein erstes Auto war ein gelber Opel Kadett,
Mitte der siebziger Jahre durchlief der junge Mann dann eine Mantaphase. Er
lebt heute sorgenfrei und kann deshalb voll seinem Tempobewusstsein frönen.
Wenn er irgendwo einen Blechpolizisten sieht, so kehrt er um, um
nachzuprüfen, ob dieser ihn in seinem schicken Wagen nicht geblitzt hat. So
jedenfalls geht die Familienfolklore.
Auch die Tochter Eugens der Zweiten, Hanne Frogg-Walholz, Mutter von
Philemon, liebt das Autofahren. Sie lernte es spät, wie Töchter es damals
taten, aber gründlich. So gründlich, dass ihr Ehemann, Toni Frogg, ein
defensiver Autofahrer zum Schluss kam: «Die Raserei muss wohl bei Euch in
der Familie liegen!» Urenkelin Philemon aber hat bisher nicht auf die Marke
Opel gesetzt, sondern aufs Fahrrad, die Schweizerischen Bundesbahnen und
Schusters Rappen. Sie hätte einen Opel Corsa nicht von einem VW Golf
unerscheiden können. Und Raser hasst sie. Aber die Theorie vom Walholz'schen
Rasergen gefällt auch dem Schwiegersohn in spe (er heisst Tiger). Immer,
wenn Philemon klagt, wie sehr sie das Auto fahren hasst, und dass sie es
niemals lernen wird, dann sagt er: «Warte nur, bis das Walholz-Gen
durchbricht! Dann wirst Du nur so durch die Gegend rasen!» Wenn es
wenigstens ein kleines, kleines bisschen durchbräche!
fröhlich
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