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Helga bekommt die Schweiz erklärt – und zwar richtig!
Helga ist Deutsche. Seit fünf Jahren lebt sie in der Schweiz, und es gefällt
ihr hier. Die Landschaft ist schön, die Steuern sind tief und die Leute
nett. Etwa einmal im Monat gehen Philemon und Helga in die Sauna. Eine lieb
gewonnene Gewohnheit, die sie sich auch im Sommer nicht nehmen lassen
wollen. Nur ist ihr Lieblingslokal, das luxuriöse Haus am See, im Sommer
geschlossen. Deshalb muss es diesmal die Billigsauna im Industriequartier
sein. Hier stammt die Einrichtung aus den siebziger Jahren, weckt
Kindheitserinnerungen und Philemon erwartet bei jeder Bewegung eine
Aufsichtsperson, die wie ein Derwisch hereinfegt und zischt: «Sii, das esch
verbotte!» Es stellt sich allerdings bald heraus, dass hier niemand für
Recht und Ordnung sorgt.
Weil diesmal der Tiger mit von der Partie ist, sucht das Trio den
geschlechtergemischten Hitzeraum auf. Aber kaum haben es sich die drei Gäste
bei 85 Grad gemütlich gemacht, treten drei ergraute Herren mit
Schrumpelbäuchen in den Hitzeraum. Lautstark erzählt der eine, dass er für
den Umbau seines Estrichs eine Abfallmulde bestellt hat. Aus irgend einem
Grund glaubt er, das würde alle Insassen des Raumes interessieren.
Schweizer neigen dazu, in solchen Situationen still die Augen zu verdrehen.
Nicht selten wirkt das. Aber mit Helga geht das nicht! Sie muss es mit einer
Strategie versuchen, die Philemon schon so manche Deutsche in der Schweiz
mit gemischtem Erfolg hat anwenden sehen – mit einer Machtdemonstration:
«Bitte hören Sie auf!» sagt sie laut, «Sie stören! In der Sauna ist man
ruhig!»
Helga scheitert kläglich: Die Schrumpelbäuche machen lautstark ihrer
Empörung Luft – auf Schweizerdeutsch natürlich: «Also eine solche
Unverschämtheit ist uns noch nie vorgekommen! Wir sind hier, seit es dieses
Lokal gibt und sie...! Aber klar, man hört ja, wo sie herkommen, vom grossen
Kanton.» Dann hallt die Muldengeschichte in doppelter Lautstärke und
indigniertem Ton von den Holzwänden wider. Die potenziellen Verbündeten
vermeiden lieber eine weitere Eskalation des Konflikts. Helga packt ihre
Badetuch und geht. Philemon hinten drein, schliesslich ist Helga ihre
Freundin. Und wer anfängt, mit irgend jemandes Herkunft zu argumentieren,
ist bei ihr sowieso unten durch. Der Tiger aber ist, wie immer,
unentschieden und bleibt. «Als ihr weg wart, wurde es sofort ruhig», kichert
er nachher, als hätte er höchstselbst für Ruhe gesorgt.
Später in der Pizzeria kommen unsere drei Helden auf die Schweiz im
allgemeinen und ihr politisches System im besonderen zu sprechen. Zum
Beispiel darauf, wie in der Schweiz die Regierung gewählt wird – mit Bedacht
so nämlich, dass sich möglichst viele Bevölkerungsgruppen durch sie
vertreten fühlen: die französisch- und die italienischsprachigen Schweizer,
die Frauen und die Männer und natürlich die Sympathisanten sämtlicher vier
grossen Parteien. «Das ist harmoniesüchtig!» findet Helga. «Hast Du eine
Ahnung!» ruft Philemon, «wären wir nicht so, würde die Schweiz bei der
nächsten Gelegenheit zum Balkan der Alpennordseite!»
Sie erzählt von ihrer Zeit bei einer zweisprachigen Zeitung. Klugerweise
hatte man sich dort so organisiert, dass die beiden Zeitungen ganz selten
dieselben Berichte publizierten. Nicht nur, weil die beiden Gruppen eine
höchst unterschiedliche Auffassung von Journalismus hatten («blumiges
Gewäsch!» wetterten die Deutschweizer über den welschen Journalismus,
«seelenlose Hackerei!» die Romands über die Deutschschweizer). Auch deshalb,
weil die Romands unzuverlässige Faulpelze waren und die Deutschschweizer
sich toujours wie die Bosse aufspielten. Kurz, der so genannte Röschtigraben
ging quer durch die Zeitung.
Um derlei Konfliktherde gar nicht erst richtig heiss werden zu lassen, hat
Napoleon vor 200 Jahren für die Schweiz die Kantone erfunden, die das Land
schön in möglichst separate Verwaltungseinheitchen unterteilen. Aber
mittlerweile heizt dieses System gewisse Ärgernisse erst recht an. So würde
Philemon eigentlich besser in einem der beiden Nachbarkantone leben. Dort
gibt es zwar nur Banken oder Kühe und kein rechtes Städtchen. Aber sie würde
dort die Hälfte oder einen Fünftel der Steuern zahlen, die sie hier zahlt.
Im Unterschied zu den meisten anderen Leuten aus ihrem Kanton will sie aber
nicht nicht zur Steuerflüchtigen werden. Schliesslich hat sie einen Funken
Anstand im Leib und weiss zudem, dass die Nachbarkantönler kulturlose
Schmarotzer sind. Die nehmen ja doch nur die Dienstleistungen des Städtchens
in Anspruch und zahlen nix dafür!
Naja. Vielleicht lebt Helga nur deshalb so gerne in der Schweiz, weil so von
all dem nicht so viel mitbekommt.
Ach ja, und noch etwa. Die Schweizer sind mit ihrem Land chronisch
unzufrieden
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