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Startseite » Tagebuch » User: Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.]
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Tagebucheintrag von Autor, weiblich philemon frogg [ 45 J.] vom 11.09.2002, 14:00 Uhr


Warum wir falsche Freunde lieben

Letzte Woche verbrachte ich fünf Tage mit Lotta in der Südschweiz. Etwa am
dritten Abend, auf einer kurzen Zugfahrt, sagt Lotta plötzlich: «Ich
überlege mir gerade, wem ich wirklich vertrauen kann. Ich meine: Nehmen wir
an, jemand sässe in der Scheisse und könnte sich herausretten, indem er mich
verrät. Ich kann mir nur wenige Leute vorstellen, die mich in einem solchen
Fall nicht fallen lassen würden.» Es folgt eine kurze Liste: «Meine
Schwester? Nein, ihr würde ich nicht trauen... Eugen? Ja, wahrscheinlich.
Und Katja. Und Du.»

Ganz zuerst bin ich ganz gerührt. Dann werde ich stutzig und denke:
«Seltsam, es ist nicht das erste Mal, dass jemand glaubt, ich gehöre zu den
einzig Wahren und Guten.» Genau genommen haben in den letzten zwei Jahren
drei Leute etwas derartiges zu mir gesagt. Ich will damit nicht angeben,
denn ich finde das bedenklich. Franz fiel mir ein. Ihr erinnert Euch: mein
Russland-Reisegefährte, der Philosoph, Bibliothekar und Bratschist Franz?
Seit einem halben Jahr habe ich von ihm ausser einer Postkarte aus Kirgistan
keine Nachrichten erhalten. Aber in jenem Moment konnte ich ihn deutlich
eine seiner unvergleichlichen Fragen an Lotta richten hören: «Und wessen
Freundschaft würdest Du im Grunde mehr begehren? Jene einer absolut
verlässlich wirkenden Person? Oder jene eines Menschen, dem Du nicht ganz
vertraust?»

Franz, das weiss ich, hätte eine These: Die meisten Leute würden die
Freundschaft einer Person vorziehen, der sie nicht hundertprozentig trauen.
Nicht, weil sich wünschen, von ihr verraten zu werden. Sondern, weil sie
sich danach sehnen, dass dieser Mensch ihnen zu Liebe seine dunkle Seite ans
Licht bringt, sich zeigt, sich zähmen lässt. Sie würden es als
Herausforderung betrachen, solche Leute so lange zu umwerben, bis sie
schwach werden. Ehrlich und integer wirkende Leute hingegen sind langweilig
und haben keinen Charme. Vielleicht hat Philemon deswegen so wenige wirklich
gute Freunde.

«Unsinn», sage ich im Geiste zu Franz, «wie man seine Freunde auswählt, ist
eine Frage der persönlichen Reife.» Eine lebenserfahrene Person weiss die
Freundschaft einer zuverlässigen Menschen zu schätzen. Und mangelnde
persönliche Reife ist nun wirklich nicht eine Schwäche, die ich Lotta
vorwerfen könnte. Da stellt sich die Frage: Würde ich Lotta trauen? Das
heisst, nein, eigentlich stellt sich diese Frage nicht. Lotta ist eine der
klügsten, einfühlsamsten und verlässlichsten Frauen, die ich kenne. Ich bin
deshalb froh darüber, sie zu meinen zwei oder drei besten Freundinnen zählen
zu dürfen. Aber wie zuverlässig jemand in einer Krise ist, kann man erst
wissen, wenn man die Krise kennt.

37 und neunmalklug


Dead cool


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"Die Morgengedanken eines Nachtschattengewächses"
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